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Elke Büdenbender: „Wir müssen früh damit anfangen, zu vermitteln, dass Talent nicht vom Geschlecht abhängt.“

Interview mit der Schirmherrin der Initiative Klischeefrei

Elke Büdenbender im Interview zum Thema geschlechtergerechte Berufsorientierung.
Elke Büdenbender im Interview mit der Redaktion Klischeefrei. Die Fragen stellte Christiane Helmstedt.Foto: © BIBB | Ulrich Perrey

In einem Interview mit der Redaktion der Initiative Klischeefrei ermutigt Schirmherrin Elke Büdenbender Gesellschaft und Wirtschaft zu einem Umdenken, damit junge Menschen ihre Berufswahl gut informiert und frei von Geschlechterklischees treffen können. Dabei betont sie auch den Stellenwert der Berufsbildung.

Frau Büdenbender, Sie setzen sich an verschiedenen Stellen bereits für Jugendliche ein. Wir freuen uns, dass Sie sofort auf die Anfrage der Initiative „Klischeefrei“ reagiert und die Schirmherrschaft übernommen haben. Die Initiative wurde angestoßen durch die beiden Bundesministerien für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie für Bildung und Forschung. Inzwischen beteiligen sich hieran weitere Bundes- und Landesministerien sowie verschiedene Partnerinnen und Partner aus Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft und Praxis. Was hat Sie überzeugt, für diese Initiative die Schirmherrschaft zu übernehmen?

Die Initiative Klischeefrei passt genau zu meinem inhaltlichen Schwerpunkt für die nächsten Jahre: Ich möchte den Stellenwert und das Image von beruflicher Ausbildung hervorheben und verbessern.

Und mir liegt sehr viel an Bildungsgerechtigkeit. Möglichst jeder Jugendliche, egal wo er oder sie herkommt – unabhängig vom sozialen Hintergrund – soll die Chance haben, aus sich das zu machen, was er oder sie sich wünscht und was den eigenen Begabungen und Fähigkeiten entspricht.

Ich möchte dazu beitragen, dass junge Menschen dabei unterstützt werden, ihren Weg zu gehen. Klischeefrei passt dazu einfach sehr gut. Daher habe ich mich unheimlich gefreut, als die Bundesministerin Frau Wanka und die ehemaligen Bundesministerinnen Frau Schwesig und Frau Nahles diese Initiative auf den Weg gebracht haben und ich um die Schirmherrschaft gebeten wurde. Das war schön. Deswegen mache ich so richtig aus Überzeugung mit.

Berufsorientierung ist ein wesentlicher Baustein der eigenen Lebensgestaltung und – wie Sie es gerade schon angesprochen haben – es ist wichtig, die Jugendlichen dabei zu begleiten und zu unterstützen. Jugendliche werden heutzutage dabei schon besser als früher von der Schule begleitet. – Wie war das denn bei Ihnen? Wer hat Sie bei der Berufsorientierung unterstützt?

Das war 1977. Da war ich in der neunten Klasse und habe dann überlegen müssen, was mache ich denn jetzt?

Ich hatte schon die Idee, dass ich vielleicht später noch Abitur mache, aber ich wollte erstmal auf jeden Fall eine Ausbildung absolvieren, die mir Spaß macht.

Darüber habe ich natürlich mit meinen Eltern gesprochen. Die Lehrer haben uns beraten und standen uns zur Seite. Aber wichtig war auch, was die Freundinnen und Freunde machten.

Die Peers.

Ja, das ist einfach so: Man orientiert sich schon auch an der Gruppe, zu der man gehört, an der Alterskohorte sozusagen.

Berufsfindung verläuft ja oft so: Man fängt etwas an, dann orientiert man sich weiter oder auch um. Auch Ihr Weg war ja nicht geradlinig. Könnten Sie das noch etwas ausführen?

Während meiner Ausbildung bin ich in die Gewerkschaft eingetreten, und habe junge Menschen kennengelernt, die meine Vorbilder wurden. Auch solche, die zum Beispiel auf das Siegerland-Kolleg gegangen sind und dort Abitur gemacht haben.

Das hat mich dazu gebracht, mal nachzuhorchen: Was ist das für eine Schule? Ist sie auch etwas für mich? Relativ bald nach Abschluss meiner Berufsausbildung habe ich dann am Kolleg angefangen.

Später habe ich mich dazu entschieden, noch weiter zu gehen und Jura zu studieren und dann die Laufbahn als Richterin einzuschlagen.

Ich muss dazu noch sagen: Ich bin auch durch die Hans-Böckler-Stiftung gefördert worden. Da waren viele Leute mit einem ähnlichen Weg wie meiner. Das hat mir Halt gegeben und geholfen, weil ich ja doch einen etwas anderen Weg genommen habe als meine Mitstudierenden. Vorbilder zu haben, das ist ganz wichtig. Und man muss Informationen bekommen – das ist da A und O. Was man nicht weiß, kann man nicht machen.

Das heißt, die Gewerkschaft hat eine wesentliche Rolle gespielt und es waren junge Menschen, die Ihnen Orientierung gegeben haben?

Ja! Das waren Leute, die so wie ich zuerst eine Ausbildung gemacht hatten. Und sich ebenso im Gewerkschaftsbereich engagierten. Die Gewerkschaften haben ja schon immer eine große Rolle bei der Ausbildung gespielt.

Heute werden Jungen Erzieher, Mädchen IT-Spezialistinnen. Da kann man sich natürlich schon die Frage stellen: Spielen Rollenklischees und Geschlechterstereotypen überhaupt noch eine Rolle in unserer Gesellschaft?

Ich denke, dass es nach wie vor so ist.

Das zeigen auch die Ausbildungsberufe: In den technisch orientierten Ausbildungsberufen, da sind überwiegend junge Männer unterwegs. Das ist mir besonders bei einem Besuch der Ausbildungsschule des Handwerks in Cottbus-Gallinchen aufgefallen: Da waren bei dem Friseurberuf ausschließlich Frauen. Sie machen da wirklich eine sehr tolle Ausbildung, aber es waren eben ausschließlich Frauen und in den anderen, eher technischen Bereichen waren überwiegend Männer.

Leider ist es nach wie vor so, dass häufig Klischees beeinflussen, was ein Mann macht und was eine Frau. Ich denke, da müssen wir wirklich noch viel dran arbeiten. Wir müssen früh damit anfangen, zu vermitteln, dass Talent nicht vom Geschlecht abhängt. Warum werden Jungen zum Beispiel Kfz-Mechatroniker, wenn sie gute pädagogische Kompetenzen haben?

Was brauchen junge Menschen Ihrer Meinung nach für eine selbstbestimmte Berufs- und Studienwahl frei von diesen Klischees?

Das fängt in der frühkindlichen Erziehung an. Zum Beispiel in der Kinderliteratur: Da kann ja auch die Frau mal den Traktor fahren!

Und ich finde, wenn es Jugendliche gibt, die eben genau aus diesen vorgegebenen Rollen ausbrechen wollen, die andere Wege gehen wollen, müssen wir sie dabei unbedingt unterstützen. Wichtig ist auch, dass die Eltern umdenken und viel wissen: Ein bestimmter Beruf, den man selbst nicht auf dem Plan hat, kann vielleicht gut sein für das eigene Kind, weil es eben die Talente dafür hat.

Oder mit Blick auf den Ausbildungsweg: Es muss nicht zwingend ein Studium sein, es gibt jede Menge sehr qualifizierte, tolle Ausbildungsberufe. Wichtig ist, dem Kind die Chance zu lassen, in dieser Vielfalt seinen eigenen Weg zu finden, in das Kind reinzuhorchen.

Ein weiterer Punkt ist, den Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern klar zu machen, dass sie da eine große Verantwortung haben, die Klischees nicht zu bedienen, sondern sie zu reflektieren und aufzubrechen. So könnte man bei der Berufsorientierung in Schulen junge Menschen aus verschiedenen Berufsfeldern einladen, zum Beispiel einen jungen Mann, der eine Ausbildung zum Altenpfleger macht oder Grundschullehrer ist. Sie erzählen lassen, was sie denn da so machen in ihrem Beruf. Das wäre eine Möglichkeit, Jugendlichen die Augen zu öffnen und sie über den Tellerrand blicken zu lassen.

Das bedeutet dann ja nicht, dass ein Junge, der wirklich Spaß hat, an Autos herumzuschrauben, unbedingt Friseur oder Erzieher werden soll. Es geht nicht darum, zwingend gegen den Strich zu bürsten: Es geht vielmehr darum, ein Augenöffner zu sein und anhand von Vorbildern zu zeigen, was alles möglich ist. Damit sich ein Junge auch mal traut zu sagen: „Ich find Friseur eigentlich total kreativ, und es macht mir Spaß, mit Menschen zu tun zu haben. „Oder dass ein Mädchen sagt: „Ich finde Technik klasse, und ich will wissen, wie Autos funktionieren.“

Jugendliche sollen ermutigt werden, mal was anderes zu machen, als die anderen in ihrer Peergroup. Dazu brauchen sie Vorbilder, die ihnen Mut machen, und Eltern, Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrer, die ihnen helfen, einengende Klischees zu hinterfragen.

Was kann aus Ihrer Sicht die Initiative Klischeefrei dazu beitragen?

Das Wichtigste ist die Aufklärung der Multiplikatoren. Da kann Klischeefrei ansetzen. Das sind natürlich in erster Linie Eltern … Also Eltern als Multiplikatoren zu bezeichnen, ist ja schon lustig.

Ja, aber sie sind es natürlich auch …

Richtig, sie sind die ersten, die mit ihren Kindern zusammen sind. Sie haben auch hier eine Schlüsselfunktion. Muss ein Mädchen unbedingt, wenn es gut in Mathematik und Naturwissenschaften ist, Kommunikationswissenschaften studieren? Kann man es nicht dazu ermutigen, einfach mal zu gucken, ob auch andere Fächer oder Berufsfelder in Frage kommen? In Berlin gibt es zum Beispiel mittlerweile ein Orientierungsjahr für MINT-Berufe.

Eltern müssen gestärkt werden, die Talente ihrer Kinder realistisch einzuschätzen und auch auf die Kinder zu horchen. Darüber hinaus kann die Initiative die anderen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, wie z.B. Lehrkräfte, mit Unterrichtsmaterialien oder Vorschlägen zur Unterrichtsgestaltung in der Berufsbildung dabei unterstützen, gegen Stereotype an zuarbeiten. Ich denke, um das zu unterstützen, ist die Initiative Klischeefrei ganz wichtig.

Und dann ist es natürlich auch wichtig mit Arbeitgebern und Arbeitgeberinnen zu arbeiten, mit Gewerkschaften und mit den Universitäten. Die Universitäten müssen gerade in der Lehrerausbildung für die allgemeinbildenden Schulen etwas tun, damit die angehenden Lehrerinnen und Lehrer in ihrer eigenen Ausbildung auch lernen, dass Berufsorientierung ein wichtiges Feld ist.

Damit Jugendliche auch künftig wirklich den Beruf finden, der zu ihren Talenten und Fähigkeiten passt?

Ja, Jugendliche sollen sich trauen, ihren eigenen Neigungen nachzugehen, sich trauen zu fragen: Was möchte ich? Wir müssen sie ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen.

Was haben Wirtschaft und Gesellschaft letztendlich davon, wenn das so ist?

Wenn man die Jugendlichen ermutigt, Mädchen wie Jungen, ihre wahren Talente bei der Berufswahl zum Vorschein zu bringen, dann kann die Gesellschaft nur profitieren, weil brachliegende Potenziale genutzt werden.

Wer nach seinen Neigungen ausgebildet wird, wird den Beruf dann meistens auch gerne machen. Das beugt auch dem Abbruch der eigenen Ausbildung oder des Studiums vor. Auch wenn so ein Abbruch nicht immer ein Fehler sein muss.

Ziel sollte doch in jedem Fall sein, dass der junge Mensch für sich das Beste herausholt bei der Berufswahl. Das ist es dann natürlich auch für die Arbeitgeber: Sie haben einfach die Leute, die ihren Beruf gern machen, die ihn mit Engagement ausüben und die ihre Talente am besten zum Einsatz bringen können - zum Wohl für die Firma, den Betrieb oder das Unternehmen.

Und eine Perspektivenvielfalt hat man dadurch natürlich auch: Männer und Frauen sollen ja beide die Gesellschaft gestalten dürfen.

Richtig. Ich glaube, im öffentlichen Bereich ist das mittlerweile ganz gut gelungen. Die Gesellschaft muss hier insgesamt aber noch weitergehen und verstehen, dass Stellen nicht nach stereotypen Rollenvorstellungen besetzt werden sollten.

Im Grunde genommen werden alle freier, wenn wir es schaffen, Klischees aufzubrechen. Zu einer vielfältigen Gesellschaft gehören daher auch Frauen im Bereich der IT und in den Naturwissenschaften, und Männer in Kitas und Grundschulen, in der Pflege und natürlich auch als aktive Väter.

Eine Folge von den Rollenmustern sind ja auch die fehlenden Frauen in Führungspositionen. Da gibt es natürlich auch aufgrund dieser Muster oder Stereotype die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die dafür manchmal fehlen. Was muss sich aus Ihrer Sicht da ändern?

Es gibt ja erfolgreiche Frauen in Führungspositionen, die zeigen: auch Frauen können führen! Damit das mehr wird, müssen sich grundsätzlich für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf die Bedingungen für Männer und Frauen verbessern, denn viele haben ja Familie.

Das liegt im Moment immer noch mehr bei den Frauen. Es muss sich wirklich ändern und klar sein: Männer und Frauen müssen als Eltern in ihrer Rolle wichtig genommen werden von allen Arbeitgebern! Es ist doch toll, wenn eine Familie auch einen sehr präsenten Vater hat.

Im wohlverstandenen Interesse der Wirtschaft müssen Arbeitgeber auch sehr nachdrücklich dazu angehalten werden, weiblichen Nachwuchs aufzubauen. Denn der ist unser Potenzial! Weibliche Vorbilder können für Mädchen und junge Frauen sehr motivierend wirken. Da gibt es noch jede Menge Arbeit, in diesem Bereich etwas zu ändern.

Stichwort Quote?

Genau! Die Quote kann ein ganz guter Weg sein, auch Unternehmen nachhaltig dazu zu bringen, weiblichen Nachwuchs zu fördern.

Es gibt ja zwei Aspekte, die beachtet werden müssen: Obwohl es im Prinzip klar ist, dass Führungsqualitäten nicht vom Geschlecht abhängen, gibt es aufgrund von Rollenklischees immer noch Vorbehalte gegen Frauen in Führungspositionen. Hier benötigen wir ein gesamtgesellschaftliches Umdenken!

Das andere sind die genannten Rahmenbedingungen, die passen müssen. Das heißt auch, Frauen und Männer müssen beide die Möglichkeit haben, Eltern zu sein und trotzdem den Weg zu gehen, den sie gehen möchten.

Nicht jeder und jede will Karriere machen. Aber wenn man in einem Beruf auch deshalb viel und engagiert arbeitet, weil es einfach Spaß macht, dann müssen auch hierfür die Bedingungen gegeben sein, dies mit der Familie zu vereinbaren. Das heißt, wir brauchen flexible Arbeitszeiten und eine gute Kinderbetreuung. Und ja, eine Quote kann dabei durchaus eine Unterstützung sein.

Wie werden Sie Ihre Schirmherrschaft ausgestalten?

Ich freue mich auf gemeinsame Termine und Veranstaltungen mit der Initiative. Ich kann mir auch vorstellen, einfach mal jungen Menschen meinen Lebensweg zu erzählen. Und es gibt auch viele andere Menschen mit interessanten Lebensläufen, auch aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis, die ebenso erzählen könnten. Wenn wir gemeinsam öffentliche Aufmerksamkeit und Unterstützung generieren, wird am Ende auch ein erfolgreiches Projekt stehen.

Frau Büdenbender, ganz herzlichen Dank!

Ich danke Ihnen.

Bildergalerie

Fotos: © BIBB | Ulrich Perrey