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„Mein Vater konnte und wollte das so nicht akzeptieren“

KIESS Innenausbau bildet bis heute erfolgreich Mädchen und Jungen im Schreinerhandwerk aus

Thilo Kiess (Mitte) mit zwei Kollegen. Sie tragen Anzüge und schauen lächelnd in die Kamera.
Geschäftsführer Wolfgang Rosskopf, Geschäftsführer Tilo Kiess und Senior-Chef Alfred Kiess (v.l.n.r.)© KIESS Innenausbau

Tilo Kiess, Geschäftsführer des Unternehmens KIESS Innenausbau, erzählt im Interview wie sein Vater, Alfred Kiess, 1979 nicht nur die erste Lehrlingsbörse in Deutschland ins Leben rief. Er machte sich darüber hinaus stark dafür, auch Mädchen die Ausbildung zur Schreinerin zu ermöglichen – ein Engagement, das sich bis heute auszahlt.

Herr Kiess, bitte stellen Sie sich und Ihre Organisation kurz vor.

Die Geschichte unseres Unternehmens beginnt schon 1912, als Christian Günther unter seinem Namen eine Schreinerei in Stuttgart-Möhringen gründete. Alfred Kiess Senior, mein Großvater, übernahm diese 1939 und firmierte sie auf seinen Namen um. Sein Sohn Alfred Kiess, mein Vater, trat 1962 in seine Fußstapfen. Er erkannte im hochwertigen Innenausbau einen prosperierenden Markt und entwickelte das Unternehmen personell und technisch gezielt immer weiter in diese Richtung. Unter seiner Führung wurden vor allem die Geschäftsbereiche Innenausbau für Privatkunden und Innenausbau für Gewerbekunden aufgebaut.

2005 übernahmen Dipl. Ing. Wolfgang Rosskopf und ich die Geschäftsführung von meinem Vater. Heute sind wir in den Bereichen Innenausbau, Aufzugsausbau, Yachtausbau und Messebau tätig. Zu den klassischen Herstellungsleistungen haben wir gezielt die immer stärker gefragten Bereiche Projektplanung / Engineering ausgebaut.

Was hat Sie motiviert, sich bei der Initiative Klischeefrei zu engagieren?

1979 rief mein Vater Alfred Kiess die erste Lehrlingsbörse Deutschlands ins Leben. Den Anstoß für seine Idee gab ein in der Stuttgarter Zeitung erschienener Bericht über ein junges Mädchen, das nach seinem Abitur verzweifelt auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz im Schreinerhandwerk war. 89 Betriebe, bei denen sich das Mädchen beworben hatte, hatten immer wiederkehrende Ablehnungsgründe, unter anderem, dass Mädchen im Schreinerberuf nicht leistungsfähig wären. Mein Vater konnte und wollte das so nicht akzeptieren und verfasste einen öffentlichen Aufruf an alle jungen Leute, die sich für eine Schreinerlehre interessierten. Zeitgleich motivierte er Berufsberater und –beraterinnen sowie Vertretungen von Arbeitsämtern, Berufsschulen und der Schreiner-Innung sowie weitere Schreiner-Kollegen zur ersten Lehrlingsbörse in seiner Stuttgarter Werkstatt. Seine Idee wurde bis heute bundesweit unzählige Male übernommen. Desweiteren regte er an, die Arbeitsvorbereitung als ein neues Berufsbild im Schreinerhandwerk zu erschaffen und somit den Beruf der Schreinerin für Mädchen attraktiver zu gestalten. Heute sind die Berufe technischer Zeichner/technische Zeichnerin, Kalkulator/Kalkulatorin und Arbeitsvorbereiter/Arbeitsvorbereiterin nicht mehr aus dem Schreinerhandwerk wegzudenken. Diese Erfolgsgeschichte motiviert uns, uns bei den Nationalen Kooperationen der Initiative Klischeefrei zu engagieren und sowohl Mädchen als auch Jungen den Weg in ein erfolgreiches Arbeitsleben im Schreinerhandwerk zu ermöglichen, frei von jeglichen Geschlechterklischees.

Auf welche Weise setzen Sie sich für eine geschlechtersensible Berufs- und Studienorientierung ein?

Noch heute gehen wir regelmäßig direkt in die Schulen, halten Vorträge und versuchen auf diesem Wege, junge Leute, Jungen wie Mädchen, für ein Berufsleben im Schreinerhandwerk zu begeistern. Durch regelmäßige Teilnahmen am Girls‘Day bauen wir Vorurteile im Zusammenhang mit dem Beruf des Schreiners bzw. der Schreinerin ab und zeigen Mädchen Karrierechancen in einem noch sehr klischeebehafteten „Männerberuf“ auf. Um unseren Arbeitskräftenachwuchs geschlechtersensibel aufzubauen, schreiben wir jährlich zwei Ausbildungsstellen zum Schreiner/zur Schreinerin aus und besetzen diese mit jeweils einem Jungen und einem Mädchen.

Welche Erfolge haben Sie bereits mit Ihrem Engagement erreichen können?

Seit der ersten Lehrstellenbörse 1979 haben über 100 junge Menschen erfolgreich ihre Schreiner-Lehre in unserem Unternehmen absolviert. Durch unser Engagement sind wir in der glücklichen Lage, Jahr für Jahr überdurchschnittlich viele Bewerbungen auf unsere ausgeschriebenen Lehrstellen zu erhalten. Trotz leider allgemein schwindendem Interesse an Handwerksberufen können wir uns so nicht über fehlende Nachwuchskräfte beklagen.