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07.01.2026

Berufliche Orientierung als Erlebnis: „komm auf Tour – meine Stärken, meine Zukunft“

Mit dem Berufsorientierungsangebot „komm auf Tour“ hat das SINUS Büro für Kommunikation, Partnerorganisation der Initiative Klischeefrei, einen Dauerbrenner geschaffen. Seit fast 20 Jahren tourt das Projekt nun schon durch Deutschland. Was macht es so erfolgreich?

Berufliche Orientierung als Erlebnis: „komm auf Tour – meine Stärken, meine Zukunft“
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Der Parcours in der Halle macht neugierig: Stylische Hocker, ein Labyrinth, ein Tunnel aus Wellblech, eine Bühne. Bildschirme sind zu sehen, auch große bunte Würfel. Auf dem Boden Teppiche und Sitzkissen. Was gibt es hier zu tun und zu entdecken? Statt wie sonst Unterricht, erleben die Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgangsstufen 7 und 8, die in der Halle eintreffen, einen Erlebnisparcours mit sechs handlungsorientierten Stationen. Es geht darum, eigene Stärken zu entdecken und sie mit „realisierbaren beruflichen Perspektiven zu verbinden“, wie es bei SINUS heißt.

Warum ein Erlebnisparcour?

Verschiedene Studien zeigen, dass Jugendliche heute zwar so viele berufliche Möglichkeiten haben wie keine Generation zuvor. Gleichzeitig finden mehr als zwei Drittel der Jugendlichen, sie würden in der Schule weniger gut oder gar nicht auf das Berufsleben vorbereitet (Bertelsmann-Stiftung, DJI, 2023). Eine aktuelle OECD-Studie belegt, dass die Verunsicherung in Bezug auf die Berufswahl bei Jugendlichen in den letzten 10 Jahren zugenommen hat. Knapp die Hälfte der 15-Jährigen in Deutschland hat keine realistische Vorstellung, was sie einmal beruflich machen möchte.

Hier setzt der Erlebnisparcours an. Er ergänzt die schulischen Angebote und die der Bundesagentur für Arbeit und unterfüttert sie mit praktischen Erfahrungen. Durch den handlungsorientierten Ansatz bekommen die Jugendlichen erste Vorstellungen davon, welche Tätigkeitsbereiche zu ihnen passen könnten.

Der Parcours wurde 2006 durch das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (früher Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit und SINUS entwickelt. Zum Projekt gehören eigene Module für Lehrkräfte, für lokale Akteurinnen und Akteure und für Erziehungsberechtigte. Eines der Ziele, die der Parcours verfolgt, ist das Bewusstmachen von (beruflichen) Geschlechterklischees. Jugendliche sollen Berufe bzw. Tätigkeiten in Betracht ziehen, die zu ihren Stärken passen, unabhängig vom Geschlecht.

Ein rundes Gesamtpaket für alle Beteiligten

Begleitet werden die Jugendlichen von geschultem Personal, das mit ihnen im Parcours unterwegs ist. Für die Lehrerinnen und Lehrer gibt es eine „Service Lounge“, in der sie Fragen klären und wertvolle Tipps für die Nachbereitung des Parcours im Unterricht erhalten, während ihre Klassen die Stationen absolvieren. Auch für die lokalen Partnerinnen und Partner und für Eltern bestehen Begleitangebote.

Für Lehrkräfte bieten wir vorbereitende Workshops an, außerdem gibt es zahlreiche Materialien, auch vorgefertigte Unterrichtsstunden.

Lisa Kuhlmeier, Projektleiterin

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„Für Lehrkräfte bieten wir vorbereitende Workshops an, außerdem gibt es zahlreiche Materialien, auch vorgefertigte Unterrichtsstunden“, erzählt Lisa Kuhlmeier, eine der Projektleiterinnen von „komm auf Tour“. „Auch für Eltern bieten wir vieles an, es ist aber schwierig, alle Eltern zu erreichen“, beschreibt sie die Erfahrungen.

Einige Bundesländer wie Mecklenburg-Vorpommern haben „komm auf Tour“ in ihr landespezifisches BO-Konzept integriert. In Mecklenburg-Vorpommern heißt es „Learn about Skills“ und bildet das sogenannte Modul A der Beruflichen Orientierung an Schulen. „Die Teilnahme ist freiwillig, aber von den 270 Schulen in Mecklenburg-Vorpommern machen 240 mit“, erläutert Jette Langner, die SINUS-Projektleiterin von „komm auf Tour“ für Mecklenburg-Vorpommern.

Mit oder ohne institutionelle Anbindung

Die Berufsorientierungs-„Roadshow“ tourt aktuell durch sechs Bundesländer, jeweils eingebettet in die Angebote und Konzepte der Länder bzw. in regionale Projekte. Der Parcours kann jedoch auch ohne die Anbindung an ein Landesprogramm gebucht werden. Eine institutionelle Anbindung sei für den Projekterfolgt nicht zwingend, sagt Langner. „Es ist aber hilfreich, wenn es vor Ort eine Person gibt, die die lokalen oder regionalen Akteure kennt, zum Beispiel jemand von der Agentur für Arbeit.“

Das Projekt wird vor Ort in der Regel aus Mitteln der Arbeitsagenturen und mit der Unterstützung der jeweiligen Städte, Kommunen, Kreise oder Länder sowie von lokalen Partnern wie zum Beispiel Unternehmen finanziert.

Das Besondere an „komm auf Tour“ ist neben dem handlungsorientierten Ansatz die Verknüpfung der unterschiedlichen Akteurinnen und Akteure, die für die berufliche Orientierung vor Ort gebraucht werden. Das sind neben den einzelnen Schulen auch Ansprechpersonen in der Schulverwaltung, Vertreterinnen und Vertreter von IHK und Handwerksammern, von lokalen Unternehmen, den Arbeitsagenturen und mehr. „,komm auf Tour' ist eine Plattform“, sagt Projektleiterin Lisa Kuhlmeier. „Es gibt ein Standardkonzept, das auch abgeändert werden kann, beispielsweise, wenn bestimmte Unternehmen vor Ort stärker eingebunden werden sollen.“ Die Nachfrage übersteigt an vielen Orten das Angebot, obwohl vier Erlebnisparcours parallel unterwegs sind. Der Bedarf ist also gleichbleibend hoch.

Erfolgreiches Modell

Dass das Modell funktioniert, beweist eine aktuelle Wirkungsanalyse: 81,3 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, ihre Top-Stärke mit dem Erlebnisparcours entdeckt zu haben. Mehr als die Hälfte der Befragten stimmen der Aussage zu, dass sie ihre Stärken mit Berufsfeldern in Verbindung bringen können. Über 74 Prozent sagen, dass ihre Stärke ihnen hilft, ein passendes Praktikum zu finden (38,5 Prozent „stimme zu“ und 35,9 Prozent „stimme eher zu“). Interviews mit Kooperationspartnerinnen und -partnern, mit Lehrkräften und Erziehungsberechtigten zeigen außerdem, dass der Erlebnisparcours und vor allem seine Nachbereitung in den Klassen Impulse für das Hinterfragen von Geschlechterklischees setzen.