07.10.2026
„Klischeefreie Berufsorientierung ist für uns kein Zusatzthema, sondern gelebte Teilhabe“
Warum ist klischeefreie Berufsorientierung gelebte Teilhabe? Bethel.regional berichtet, wie Rollenbilder Berufswünsche prägen, welche Rolle Vorbilder und Praxiseinblicke spielen und warum junge Menschen ihre Berufswege nach Stärken und Interessen wählen sollten.
Warum ist klischeefreie Berufsorientierung für Ihre Arbeit wichtig?
Unsere Vision ist: Wir machen die Welt inklusiv – jeden Tag. Das gilt für die Menschen, die wir begleiten, und genauso für die Menschen, die bei uns arbeiten. Wer früh lernt, welcher Beruf angeblich zu ihm passt, sortiert einen großen Teil seiner Möglichkeiten aus, bevor er sie überhaupt kennengelernt hat. Und was jemanden für unsere Arbeit gut macht – Zugewandtheit, Humor, Verlässlichkeit, Neugier – hat nun wirklich nichts mit dem Geschlecht zu tun.
Wo erleben Sie, dass Geschlechterklischees die Vorstellungen von Beruf und Zukunft beeinflussen?
Sehr deutlich dort, wo wir jungen Menschen beim Thema Berufswahl begegnen, zum Beispiel auf Personalmessen. Da erleben wir beides: viel Offenheit, wenn junge Menschen einfach nach ihrem Interesse fragen – und Gruppen von Jungs, die mit unseren Arbeitsfeldern nichts anfangen können, direkt abbiegen oder Sprüche machen. Auffällig ist auch, wie unterschiedlich das je nach Beruf aussieht: In der Heilerziehungspflege ist das Klischee kaum noch spürbar, in einer unserer Regionen haben zuletzt fünf Männer und acht Frauen die Ausbildung begonnen. In der Erzieher*innen-Ausbildung dagegen ist der Überhang an Bewerbungen von Frauen weiterhin deutlich. Dort fehlen uns männliche Kollegen – und wir suchen sie ausdrücklich.
Was tut Bethel.regional, damit sich junge Männer ebenso angesprochen fühlen?
Am meisten hilft zeigen statt erklären. Wir gehen dorthin, wo junge Menschen sind – auf Messen, Events und Festivals –, bei unserem Tag der Ausbildung kann man alle Ausbildungsberufe in Bethel kennenlernen, und über Praktika kann man einfach mal ausprobieren, statt sich vorher festlegen zu müssen. Ehrlich gesagt, haben wir dabei selbst noch eine Baustelle: Wenn ein Messeteam rein weiblich besetzt ist, sendet das ein Signal, das wir gar nicht senden wollen. Wir bemühen uns deshalb, immer auch männliche Kollegen und Azubis mit an den Stand zu holen – das gelingt uns noch nicht immer, aber wir arbeiten daran. Dass gut 40 Prozent unserer Auszubildenden männlich ist, zeigt uns aber: Es bewegt sich etwas.
Was bedeutet klischeefreie Berufsorientierung für echte Teilhabe?
Teilhabe heißt für uns, dass Menschen ihr Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten können – im eigenen Viertel, in der eigenen Nachbarschaft. Der Beruf ist ein großer Teil davon. Wenn Klischees vorher aussortieren, wer was werden kann, ist das keine freie Entscheidung mehr, sondern eine Vorauswahl, die andere getroffen haben. Klischeefreie Berufsorientierung ist deshalb für uns kein Zusatzthema, sondern gelebte Teilhabe.
Wie können Berufswege so gestaltet werden, dass nicht Geschlecht, Herkunft, Behinderung oder soziale Lage über Chancen entscheiden?
Indem wir bei den Stärken anfangen und nicht bei dem, was jemand vermeintlich nicht kann. Ganz praktisch heißt das: ausprobieren lassen, Wege in kleinen Schritten möglich machen, Umwege zulassen und Unterstützung dort ansetzen, wo sie gebraucht wird. Wichtig ist uns dabei ein Punkt, der oft untergeht: Nicht alle jungen Menschen haben denselben Freiraum, Rollenbilder zu hinterfragen. Wer wenig Unterstützung im Umfeld hat, bekommt Klischees eher unverändert weitergereicht – gerade diese jungen Menschen brauchen konkrete Angebote und echte Begegnungen, nicht nur gute Appelle.
Welche Veränderung wünschen Sie sich?
Dass die Frage „Passt das zu mir als Junge oder als Mädchen?" gar nicht mehr auftaucht – und stattdessen gefragt wird: „Was macht mir Freude, was kann ich gut, wo werde ich gebraucht?" Ein Auszubildender hat uns das schön beschrieben: Für ihn war die Entscheidung leicht, weil für ihn früh klar war, dass er gerne mit Menschen arbeiten möchte – Rollenbilder haben dabei einfach keine Rolle gespielt. Genau diese Selbstverständlichkeit wünschen wir uns für alle. Dafür braucht es sichtbare Vorbilder und Erwachsene, die nicht in Schubladen denken. Und die Gelegenheit, unsere Arbeitsfelder einmal wirklich zu erleben, bevor man sie für sich ausschließt.