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23.09.2026 | Pamela Moucha

Geschlechtergerechte Sprache öffnet Perspektiven in der Berufsorientierung

Mit Hinweisen für Lehrkräfte

Gendern oder nicht? Wenn ja, wie? Darüber wird seit einigen Jahren zum Teil heftig gestritten. Fest steht: Eine geschlechtergerechte Sprache hat weitreichenden Einfluss auf unsere Wahrnehmung, auch von Berufen.

Geschlechtergerechte Sprache öffnet Perspektiven in der Berufsorientierung

„Papa, ich wusste gar nicht, dass auch eine Frau ein Arzt sein kann.“ Dieser aufgeschnappte Satz stammt aus dem Mund eines Fünfjährigen nach dem Gang zu einer Ärztin. Er verweist darauf, wie sehr der allgemeine Sprachgebrauch noch von der männlichen Form geprägt ist. Und er zeigt, wie Sprache Bilder im Kopf schafft.

Der „Male Bias“ in der Sprache

Im Sprachgebrauch steht häufig noch immer die grammatikalisch männliche Form, das generische Maskulinum, stellvertretend für alle Mitglieder einer Gruppe, auch wenn diese gar nicht zwingend (ausschließlich oder mehrheitlich) männliche Personen sind. Mit Schülern, Experten oder Wählern sind sowohl Männer als auch Frauen gemeint.

Kritikerinnen und Kritiker des generischen Maskulinums führen an, dass seine Verwendung nicht gerecht und inklusiv sei und dass es die Stereotypen in den Köpfen nur noch stärker verankere. Psycholinguistische Untersuchungen zeigen dementsprechend: Wird „Lehrer“ oder „Arzt“ gesagt, denkt man in der Regel zunächst an einen Mann, obwohl damit häufig auch eine Frau bezeichnet wird. Das nennt man Male Bias – unbewusste Vorannahmen oder Vorurteile, die durch Sprache gefestigt werden.

Die Male Biases machen sich auch in Entscheidungen zur Berufswahl und der Bewerbung um eine Arbeitsstelle bemerkbar. Studien zufolge macht es einen Unterschied, ob in einer Stellenausschreibung Arzt (w/m/d) oder Ärztin/Arzt (w/m/d) zu lesen ist. Demnach bewerben sich Frauen häufiger auf Stellen, die nicht im generischen Maskulin geschrieben sind.

Geschlechtergerechte Sprache in der Schule

Die Prägung beginnt früh: Eine geschlechtergerechte Sprache wirkt sich schon bei Kindern positiv auf die Vorstellung aus, welchen Beruf sie einmal ergreifen könnten. Das zeigte sich in verschiedenen Studien, unter anderem an der Freien Universität Berlin. Forschende befragten Grundschulkinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren, indem sie ihnen „typisch männliche“ und „typisch weibliche“ Berufe entweder nur in der männlichen Pluralform (Ingenieure) oder in der Paarform (Ingenieurinnen und Ingenieure) vorstellten. Die Kinder gaben in einem Fragebogen unter anderem an, ob sie sich selbst zutrauen würden, diesen Beruf zu ergreifen und wie schwer ihnen der Beruf erscheine. Wurden die Berufe in einer geschlechtergerechten Sprache dargestellt, schätzen die Kinder „typisch männliche“ Berufe als erreichbarer ein und trauen sich selbst eher zu, diese zu ergreifen. Die Ergebnisse zeigen also: „Geschlechtergerechte Sprache verstärkt die Zuversicht von Kindern, in traditionell männlichen Berufen erfolgreich sein zu können“, so die Studienleiterin Prof. Dr. Bettina Hannover von der Universität Berlin.

Für Lehrkräfte und Ausbildende bedeutet dies wiederum, dass sie mit der systematischen Verwendung inklusiver Sprachformen berufsbezogenen Themen Mädchen und Jungen gleichermaßen ermutigen. Mädchen trauen sich eher einen männlich konnotierten Beruf zu, auch Jungen können sich eher einen weiblich konnotierten Beruf vorstellen. Denn natürlich wirkt die geschlechtergerechte Sprache auch umgekehrt und zeigt Jungen, dass „Erzieher“ und „Flugbegleiter“ interessante Berufe sein können.

Praxis-Tipp: KI hilft bei geschlechtergerechten Formulierungen

KI-Sprachmodelle wie ChatGPT bieten die Möglichkeit, eine geschlechtergerechte Sprache vorab einzustellen, was den Einstieg in die persönliche Gender-Praxis erleichtern kann. Dies geht ganz einfach über die benutzerdefinierten Anweisungen.

Wo finde ich diese?

Beispiel ChatCPT: Profilbild → Einstellungen → Personalisierung → Benutzerdefinierte Anweisungen

Die Anweisung kann so lauten:

„Verwende in deutschen Texten geschlechtergerechte Sprache, zum Beispiel Schülerinnen und Schüler. Nutze geschlechtsneutrale Formulierungen, wenn sie sprachlich gut funktionieren.“

Diese Vorgabe wird dann grundsätzlich in den Chats berücksichtigt. Sie lässt sich jederzeit ändern oder deaktivieren. Die gleiche Möglichkeit bieten selbstverständlich auch andere Sprachmodelle wie Gemini, Claude oder Mistral.

Geschlechtsspezifische Sprache ist Alltag

Häufig werden Formen der geschlechtergerechten Sprache wie etwa „IngenieurInnen“ ablehnend als „Genderkram“ disqualifiziert. Dabei sollte man sich klarmachen, dass wir in der alltäglichen Sprache andauernd gendern, selbst wenn wir dabei kein Sonderzeichen verwenden. „Frau Meier“ oder „der Gärtner“ sind beides gegenderte Formen der Sprache, erläutert Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky vom Lehrstuhl für Genderwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Neben dem alltäglichen Gendern haben sich neue Formen der geschlechtersensiblen oder -inklusiven Sprache entwickelt mit dem Ziel, männliche, weibliche und diverse Geschlechtsidentitäten abzubilden. Diese Formen können ungewohnt erscheinen, erklärt Villa Braslavsky die ablehnende Haltung, welche dem Gendern oft entgegengebracht wird.

Geschlechtergerechte Sprache will die Wirklichkeit abbilden

Als zentrales Argument für die Verwendung einer geschlechtergerechten Sprache wird angeführt, dass Frauen nicht nur implizit mitgemeint (wie im generischen Maskulinum), sondern auch explizit benannt und somit sprachlich gleichberechtigt genannt werden. Wirklichkeit werde schließlich sprachlich geschaffen, lautet ein Votum aus der Germanistik für eine geschlechtergerechte Sprache, denn Frauen würden nicht nur sprachlich, sondern auch real ausgegrenzt.

Und: Geschlechtergerechte Sprache ist nicht so kompliziert, wie oft unterstellt wird. Unter der Bezeichnung hat sich eine Vielzahl von Optionen in der Schriftsprache und der gesprochenen Sprache entwickelt – von der doppelten Nennung (Pflegerinnen und Pfleger bzw. Pfleger/-innen, PflegerInnen) über die neutrale Bezeichnung (Pflegekraft, Pflegende) bis zu zahlreichen Varianten mit Sonderzeichen wie Genderstern, Doppelpunkt, Gender-Gap oder Mediopunkt: Pfleger*innen, Pfleger:innen, Pfleger_innen, Pfleger·innen. Es gibt Websites, Broschüren und Handreichungen von unterschiedlichen Anbieterinnen und Anbietern, die anschaulich machen, wie geschmeidig geschlechtergerechte Sprache in Texten funktionieren kann.

Die gesellschaftliche Dimension von geschlechtergerechter Sprache

Die nachweisliche Wirkung des Genderns auf sprachlich verfestigte Stereotype findet erst volle Beachtung, wenn man die gesellschaftspolitische Dimension berücksichtigt. Eine geschlechtergerechte Sprache ist Ausdruck der Entwicklung in Richtung einer gleichberechtigten, vielgestaltigen Gesellschaft. Es handelt sich um den Grundwert der Gerechtigkeit. Wenn es also in einer Gesellschaft darum gehen soll, patriarchale Strukturen aufzubrechen, muss sich dies auch in der Sprache niederschlagen.

Materialien für den Unterricht

Materialien der Initiative Klischeefrei für Lehrkräfte in Grundschule und Sek. I:

Weitere Materialien in der Klischeefrei-Infothek: