28.04.2026
„Fachkräftemangel ist kein Klischee, sondern Realität“
Klischeefreie Berufsorientierung ist ein Schlüssel gegen Fachkräftemangel. Entscheidend sind Interessen und Kompetenzen, nicht Geschlecht oder Herkunft. Die IHK Darmstadt zeigt mit starken Partnern, wie vielfältige Berufswege und Ausbildungschancen sichtbar werden.
Herr Dr. Walter, warum ist für die in der IHK Darmstadt organisierten Unternehmen eine klischeefreie Berufsorientierung von Bedeutung?
Weil Fachkräftemangel kein Klischee, sondern Realität ist. In den nächsten 14 Jahren gehen 30 Prozent der aktuellen Erwerbsbevölkerung in Rente. Unsere Mitgliedsbetriebe sind auf Fach- und Führungskräftenachwuchs angewiesen. Was dabei zählt, sind persönliches Interesse für die eigenen Aufgabengebiete sowie fachliche und soziale Kompetenzen – nicht Geschlecht oder Herkunft.
Mindestens genauso herausfordernd für unsere Betriebe ist das Klischee, dass ein Studium mehr zählt als der Weg über die Ausbildung. Viel zu wenige junge Menschen, ihre Eltern und Lehrkräfte wissen, dass die Karriere- und Gehaltschancen nach der Ausbildung nachweislich denen nach einem Studium in nichts nachstehen.
Die Industrie ist eher männlich dominiert. Wie ließe sich aus Ihrer Sicht der Frauenanteil in gewerblich-technischen Berufen erhöhen?
Wenn Sie Industrie schreiben, haben Sie eine sehr spezielle Auswahl an technischen Berufen im Kopf. Tatsächlich funktioniert „Industrie“ aber nicht ohne eine Vielzahl an Dienstleistungen, die sich mittlerweile nahezu gleich auf beide Geschlechter verteilen. Die Industrie an sich ist also gar nicht männlich dominiert.
Bei den gewerblich-technischen Berufen sieht es tatsächlich anders aus. Wichtig ist hier eine umfassende Berufsorientierung ab dem Kindesalter. Jugendliche müssen vor Ende ihrer Schulzeit die Chance gehabt haben, sich in den unterschiedlichsten Feldern auszuprobieren. Derzeit bewerben sich 40 Prozent der Jugendlichen auf gerade einmal zehn Ausbildungsberufe. Die Berufswahl ist also stark eingeengt. Das liegt sicher nicht an den Interessen oder Fähigkeiten der jungen Leute, sondern an einer mangelnden Berufsorientierung. Die Schule und ihre Lehrkräfte haben hier ein großes Potenzial. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass die Jugendlichen – um deren Zukunft es ja schließlich geht – selbst viel mehr für ihre eigene Berufsorientierung tun können.
Mit welchen Partnern arbeiten Sie zusammen, um zu zeigen, dass Berufe in Industrie, Handwerk und Handel kein Geschlecht haben?
Wir arbeiten mit ganz unterschiedlichen Partnern zusammen. Dazu gehören vor allem unsere Mitgliedsunternehmen und Ausbildungsbotschafterinnen und -botschafter, die direkt aus der Praxis berichten, sowie Schulen aus der Region – zum Beispiel im Rahmen unserer Zukunftswerkstätten – und Netzwerke wie OloV (Optimierung lokaler Vermittlungsaktivitäten).
Als Initiatoren der MINT-Region Südhessen arbeiten wir mit einer stetig wachsenden Zahl an MINT-Zentren (MINT ist ein Akronym für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, Anmerkung der Redaktion). In diesen außerschulischen Lernorten werden alle Jugendlichen der Region im Nachmittagsbereich niederschwellig für MINT-Themen begeistert. Außerdem sind wir Partner der Stiftung Kinder forschen und bringen so MINT-Themen bereits in die Kita.
Für ältere Schülerinnen organisieren wir zusammen mit Unternehmerinnen aus der Region am Girls’Day Workshops im HUB31, Darmstadts Technologie- und Gründerzentrum. Mit dem Landeswohlfahrtsverband Hessen kooperieren wir, um unsere Betriebe über die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung zu beraten. Zudem nutzen wir die Reichweite des SV Darmstadt 98, um gemeinsam für Ausbildungsmöglichkeiten zu werben. Und schließlich arbeiten wir mit den Hochschulen in der Region, um Studienzweiflerinnen und -zweiflern neue Perspektiven in der Ausbildung zu eröffnen.
Wie ist es bei Ihnen an der IHK Darmstadt selbst? Arbeiten bei Ihnen Männer in weiblich konnotierten Berufen und umgekehrt?
Aber ja! Bei uns arbeiten Frauen im Vertrieb sowie in der Organisation gewerblich-technischer Prüfungen. Unsere Leitungen der Teams IT, Gebäudemanagement und Finanzen sind weiblich, eine männliche Führungskraft in meinem Team arbeitet in Teilzeit.