18.05.2026
„Man braucht Vorbilder, um daran glauben zu können, Führungspositionen zu erreichen“
MY GEORGIA Women fördert internationale Frauen auf ihrem Weg in Führungspositionen und begleitet Unternehmen in eine vielfältige Zukunft. Im Interview spricht Gründerin Dr. Lela Grießbach über das deutsche Ausbildungssystem, Vorbilder und die Rolle von Eltern.
Frau Dr. Grießbach, Sie sind selbst als Mutter mit Zuwanderungsgeschichte und Erstakademikerin einen besonderen Bildungsweg gegangen. Welche Klischees oder Erwartungen haben Sie dabei erlebt – und wie haben diese Ihre eigene Berufswahl beeinflusst?
Ich komme ursprünglich aus Georgien und war bereits fast 23 als ich nach Deutschland gekommen bin. Somit habe ich die Deutsche Sprache sowie die Kultur erst im Erwachsenenalter kennengelernt. Ich bin zwar in Armut aufgewachsen, blicke trotzdem mit Freude auf meine Kindheit zurück. Ich habe eine ältere Schwester, und wenn sie ihre Hausaufgaben gemacht hat, habe ich, bewusst oder unbewusst, oft mitgelernt. Dadurch konnte ich bereits vieles, als ich eingeschult wurde.
Insgesamt war ich eine „Vorzeigeschülerin“, weil ich als vielinteressiertes Kind schnell und gerne gelernt habe. Rückblickend muss ich aber auch sagen, dass Jungs oft stärker gefördert wurden, damit ich als Mädchen mit meinen guten Leistungen nicht als einzige auffalle.
Dann kamen die großen politischen und gesellschaftlichen Umbrüche in meinem Heimatland. Ein Studium war plötzlich kein Zeichen von Bildung mehr, sondern ein Privileg, das sich häufig nur Menschen mit Geld leisten konnten – oft verbunden mit Korruption. Das liegt zwar lange zurück, aber ich war damals selbst von diesem System betroffen. Deshalb konnte man häufig nicht das studieren, was man wollte, sondern etwas, wofür man überhaupt einen Studienplatz bekam.
Als ich nach Deutschland kam, wurden meine beiden Studienabschlüsse hier nicht anerkannt. Auch hier war ich mit strukturellen und systemischen Barrieren konfrontiert. Als ich schließlich die Ausnahmegenehmigung erhielt, ein deutsches Abitur nachzuholen, sah ich darin eine große Chance, hier studieren zu können. Für mich als in Armut aufgewachsene und zugewanderte Person war Bildung immer ein zentraler Schlüssel, um Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe und wichtigen Ressourcen zu erhalten.
Ich durfte zwar studieren, hatte als ausländische Studentin aus einem Drittstaat jedoch keinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung in Deutschland. Deshalb musste ich mein Leben hier selbst finanzieren. Somit hatte ich neben dem Studium zwei oder drei Jobs gleichzeitig. Nachdem Bachelor entschied ich mich dann für ein berufsbegleitendes Masterstudium und später auch für eine nebenberufliche Promotion – zu einem Zeitpunkt, als ich übrigens bereits Mutter war. Ich möchte damit sagen: Ja, ich hatte die Chance, meinen Weg weiterzugehen. Aber die Barrieren wurden dadurch nicht weniger.
Auch die Arbeitssuche war nicht immer einfach. Als zugewanderte Person und soziale Aufsteigerin konnte ich viele Anforderungen nicht erfüllen, beispielsweise Auslandserfahrungen oder bestimmte Netzwerke, die oft vorausgesetzt werden. Letztendlich war man froh, überhaupt eine Zusage bekommen zu haben. Von einem Traumjob kann man in so einer Situation glaube ich nicht sprechen. Gerade auf dem Weg in Führungspositionen ist das noch problematischer. Wenn man keine Vorbilder hat, glaubt man häufig selbst nicht daran, dass man solche Positionen überhaupt erreichen kann.
In Ihrer Arbeit mit MY GEORGIA WOMEN begegnen Ihnen viele Eltern mit Migrationsbiografie. Welche typischen Vorstellungen über „passende“ Berufe für Töchter und Söhne beobachten Sie in diesen Familien – und woher kommen diese Ihrer Meinung nach?
So pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten, denn Vorstellungen über Berufe unterscheiden sich stark von Kultur zu Kultur. Dabei spielt auch eine Rolle, wie traditionell Frauen- und Männerrollen in einer Gesellschaft geprägt sind und wie selbstverständlich es dort ist, dass Frauen auch mit Kindern beruflich erfolgreich sein können.
Aus meiner Arbeit als interkulturelle Unternehmensberaterin und Diversity Trainerin weiß ich: In Kulturen, in denen es normal ist, dass Mütter berufstätig sind – auch wenn die Kinder noch klein sind, wachsen Mädchen oft mit anderen Vorbildern auf als in Gesellschaften, in denen das weniger üblich ist. Ehrlich gesagt hatte ich selbst nicht erwartet, dass berufstätige Mütter auch in Deutschland mit so vielen Herausforderungen konfrontiert werden.
Ich habe letztes Jahr eine kleine Studie durchgeführt, in der ich interkulturelle Führungskräfte interviewt habe, die gleichzeitig Mütter sind. Einerseits sind diese Frauen ein großer Gewinn für Unternehmen in Deutschland, weil es für sie selbstverständlich ist auch mit Babys berufstätig zu sein, andererseits erleben sie weiterhin strukturelle Barrieren und gesellschaftliche Vorurteile. Ihnen wird beispielsweise vermittelt, sie seien keine „guten Mütter“, wenn sie beruflich erfolgreich sind.
Dabei brauchen Kinder Vorbilder, unabhängig davon, ob Jungen oder Mädchen. Sie sollten erleben, dass es völlig normal ist, dass Frauen auch mit kleinen Kindern arbeiten gehen oder erfolgreiche Führungskräfte sein können.
Eltern mit Zuwanderungsgeschichte stehen oft vor der Herausforderung, das deutsche Bildungs- und Ausbildungssystem nicht vollständig zu kennen. Wie können sie ihre Kinder trotzdem klischeefrei bei der Berufsorientierung unterstützen?
Ja, das stimmt. Wie ich bereits erwähnt habe, war das Bildungssystem, in dem ich aufgewachsen bin, völlig anders als das deutsche. Außerdem gibt es das duale Ausbildungssystem, wie wir es in Deutschland kennen, in vielen Ländern überhaupt nicht.
In unserer Familie ist das weniger problematisch, weil sowohl mein Mann als auch ich unsere Kinder dabei unterstützen, ihren Interessen und Hobbys nachzugehen. Gleichzeitig geben wir durch unsere eigene Berufstätigkeit das Beispiel, dass aktive Erwerbsarbeit etwas Selbstverständliches ist. Meine Kinder haben sogar erlebt, dass ich nebenberuflich promoviert habe.
Wichtig ist aber auch die Unterstützung von außen. Ohne Kinderbetreuung oder Hilfe im Haushalt wäre dieser Spagat oft nicht möglich gewesen. Ebenso wichtig ist es, dass Kinder erleben, wie Eltern sich gegenseitig unterstützen und Aufgaben im Haushalt fair aufteilen. Auch dadurch lernen Kinder, dass Rollenbilder nicht starr sein müssen.
Welche Rolle spielen Vorbilder und Netzwerke für Kinder aus zugewanderten Familien – gerade, wenn es darum geht, unbekannte Berufswege einzuschlagen?
Ich glaube, hier spielt nicht nur der Migrationshintergrund eine Rolle, sondern vielmehr eine intersektionale Perspektive. Besonders relevant ist die soziale Herkunft. Familien mit niedrigem sozialem Status stehen oft vor anderen Herausforderungen als akademisch geprägte oder privilegierte Familien.
Wenn wir uns beispielsweise die Übergänge von der Grundschule aufs Gymnasium anschauen, sehen wir, dass dort häufiger Kinder aus Akademikerfamilien vertreten sind. Auch Studierende kommen oft aus Familien, in denen beide Eltern studiert haben. Kinder, deren Eltern keine akademische Bildung haben und zusätzlich eine Migrationsbiografie mitbringen, erhalten dagegen seltener eine Gymnasialempfehlung. Viele Eltern kennen das deutsche Bildungssystem nicht ausreichend und nehmen solche Entscheidungen deshalb häufig hin. Mehrere Menschen haben zudem berichtet, dass sie trotz gleicher Leistungen schlechter bewertet wurden.
Deshalb brauchen wir mehr Sensibilisierung und einen diskriminierungskritischen Umgang bereits in Schulen. Gleichzeitig gibt es Studien, die zeigen, dass unter Studierenden mit Einwanderungs- oder Migrationsgeschichte nur ein kleiner Teil aus Akademikerfamilien stammt. Bei deutschen Studierenden ist das häufig umgekehrt. Das könnte ein Zeichen sein, dass Erstakademiker*innen mit Migrationsgeschichte Bildung oft einen besonders hohen Stellenwert beimessen. Die Annahme, zugewanderte Menschen seien weniger fleißig oder weniger intelligent, ist daher schlicht falsch.
MY GEORGIA WOMEN bietet auch Mentoring an. Inwiefern sollten Eltern auch Mentorinnen und Mentoren ihrer Kinder sein – und was macht gutes Mentoring seitens Eltern aus?
Richtig, wir bieten derzeit ein Mentoringprogramm an, bei dem sowohl Mentorinnen als auch Mentees Frauen mit Zuwanderungs- oder Migrationsgeschichte sind. Wir sind immer wieder beeindruckt von den vielfältigen beruflichen und kulturellen Hintergründen dieser Frauen.
Gutes Mentoring bedeutet für mich vor allem Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung und gemeinsame Erfolge feiern zu können. Ebenso wichtig ist es, wirklich zuhören zu können – etwas, das im Alltag leider oft zu kurz kommt.
Gerade in mehrsprachigen oder multikulturellen Familien können große Potenziale entstehen. Kinder wachsen dort mit unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen auf, was eine große Bereicherung sein kann. Eltern können ihre Kinder stärken, indem sie ihnen zuhören, sie ernst nehmen und sie darin unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden.
Manchmal haben Eltern eine andere Vorstellung von den Stärken und Talenten ihrer Kinder als diese selbst. Was würden Sie in einem solchen Fall raten?
Diese Haltung kann ich gut nachvollziehen – besonders dann, wenn Eltern selbst nie die Möglichkeit hatten, ihren Wunschberuf auszuüben. Oft projizieren sie diese unerfüllten Wünsche auf ihre Kinder und drängen sie möglicherweise in Berufe, die gar nicht zu deren Interessen oder Talenten passen.
Deshalb ist es wichtig, Kindern Raum zu geben, damit sie sich entfalten und ihre eigenen Fähigkeiten entdecken können. Eltern können dabei eine wichtige Rolle als Mentorinnen und Mentoren übernehmen. Letztendlich sollten Kinder jedoch selbst entscheiden dürfen, welchen Weg sie einschlagen möchten.
Trotz aller berechtigten Kritik finde ich, dass wir in Deutschland viele Möglichkeiten haben, uns selbst zu verwirklichen. Diese Chancen gibt es in vielen anderen Ländern in dieser Form nicht. Deshalb ist es wichtig, diese Möglichkeiten zu nutzen, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene, um den eigenen Horizont zu erweitern.