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08.04.2026

„Konkrete Aha-Momente sind ein wichtiger Ausgangspunkt für neue Perspektiven“

Inspiring Girls Deutschland macht die Vielfalt beruflicher Werdegänge und Lebenswege für Mädchen erlebbar und erweitert so ihre Perspektiven. Schülerinnen im Alter von 10–16 Jahren treffen in Speednetworkings & Workshops auf Role Models aus dem MINT-Bereich, wodurch sich neue Lebenswelten eröffnen.

„Konkrete Aha-Momente sind ein wichtiger Ausgangspunkt für neue Perspektiven“
Sonja Scott, erste Vorsitzende Inspiring Girls Deutschland e. V.

Ihre Initiative lebt von weiblichen Vorbildern. Was zeichnet ein wirksames Role Model aus – und wie erleben Kinder diese Begegnungen?

Ein wirksames Role Model ist vor allem authentisch und nahbar. Es geht weniger um Perfektion als um echte Lebenswege. Denn dazu gehören auch Umwege, Zweifel und mutige Entscheidungen. Die Mädchen erleben diese Begegnungen als sehr bereichernd: Wenn jemand aus „dem richtigen Leben“ erzählt, entsteht ein spannender Zugang zu Berufen und Werdegängen. Besonders faszinierend wird es, wenn die Role Models aus ähnlichen Lebenssituationen kommen und teilen, wie sie Herausforderungen gemeistert haben. Das schafft Identifikation und macht neue Wege vorstellbar.

Welche Best Practices haben sich in Ihren Schulkooperationen gezeigt, um Rollenstereotype bei Kindern nachhaltig in Frage zu stellen? Welche Formate oder Methoden funktionieren erfahrungsgemäß am besten, wenn Lehrkräfte Role Models in den Unterricht einbinden möchten?

Viele Schulen binden uns ein, wenn es um Berufsorientierung geht. Am wirksamsten sind interaktive Formate vor Ort in den Schulen oder auch Exkursionen in Unternehmen. Rollenstereotype werden in Frage gestellt, indem wir einen Fokus auf Frauen in MINT-Berufen legen, die häufig als “Männerberufe” gesehen werden. Jedes Rollenvorbild trifft die Mädchen in kleinen Gruppen und berichtet über sich und ihren Werdegang. Die Schülerinnen werden eingebunden und zu Fragen animiert, um eigene Interessen und Vorstellungen zu reflektieren. Hilfreich ist auch die Vorbereitung durch die Lehrkräfte: Wenn sie das Thema Berufsorientierung vorab besprechen, können die Begegnungen mit den Role Models von den Schülerinnen vorbereitet werden. Die Fragen an die Frauen können dann noch gezielter gestellt werden.

Gibt es Beispiele, bei denen ungewöhnliche oder weniger bekannte Berufswege der Role Models bei den Kindern besondere Begeisterung ausgelöst haben?

51 Prozent der Mädchen geben uns im Feedbackbogen die Rückmeldung, dass sie neue Berufe kennengelernt haben, die sie interessieren. Besondere Begeisterung lösen natürlich die Role Models aus dem Handwerk aus, wenn sie in Kluft kommen, wie zum Beispiel eine Schornsteinfegerin oder Zimmermeisterin. Eine Karosseriebauerin hatte zum Beispiel ein Werkstück dabei, eine ca. 80 cm lange Autokarosserie. Unter vielen Berufen können sich die Mädchen häufig nichts vorstellen. Wenn die Role Models dann ihre Arbeit mit Beispielen erklären, ist das spannend. Eines unserer Role Models arbeitet in der IT und hat die Mädchen Apps bauen lassen oder eine Maschinenbauingenieurin hat den Schülerinnen von der Auswahl der Sitze in den ICEs berichtet. Diese konkreten Aha-Momente sind ein wichtiger Ausgangspunkt für neue Perspektiven.

Haben Sie Erfahrungen aus Schulen, die langfristig mit Inspiring Girls zusammenarbeiten? Welche Veränderungen konnten dort über die Zeit beobachtet werden?

Inspiring Girls ist ein Netzwerk, das vor 10 Jahren in Großbritannien ins Leben gerufen wurde und mittlerweile in 40 Ländern aktiv ist. In Deutschland haben wir den gemeinnützigen Verein vor 2 ½ Jahren gegründet. Wir sind daher stolz, nun schon an einige Schulen zum zweiten Mal eingeladen zu werden. Mit unserem für Schulen kostenlosen Angebot entlasten wir die Lehrkräfte und bieten ein spannendes Angebot für die Berufsorientierung. Lehrkräfte berichten, dass Schülerinnen offener über ihre Berufswünsche sprechen und sich weniger von klassischen Rollenbildern leiten lassen. Gleichzeitig wird das Thema stärker im Schulalltag verankert, etwa durch wiederkehrende Projekte oder die bewusste Einbindung von Vorbildern im Unterricht. Diese Kontinuität macht den entscheidenden Unterschied.

Wie gelingt es, auch Eltern als wichtige Bezugspersonen für eine klischeefreie Berufsfindung einzubeziehen?

Eltern spielen eine zentrale Rolle für Heranwachsende, weil sie Orientierung geben können und Entscheidungen mitprägen. Einer unserer Ansätze ist, die Landeselternvertretungen über unser Angebot zu informieren und die Eltern darüber einzubinden. Wenn Eltern verstehen, wie vielfältig heutige Berufswege sind und welche Chancen darin liegen, entsteht oft mehr Offenheit für individuelle Entscheidungen ihrer Kinder.

Welche Herausforderungen – bezogen auf Ihre Arbeit – treten in der Praxis besonders häufig auf – und welche Strategien haben sich dazu bewährt?

Eine häufige Herausforderung ist die begrenzte Zeit im Schulalltag sowie die Vielzahl an Themen, die Schulen bereits abdecken müssen. Zudem bestehen klassische Rollenbilder oft unterschwellig weiter, auch wenn sie nicht bewusst vertreten werden. Bewährt hat sich daher ein pragmatischer Ansatz: einfache, niederschwellige Formate, die sich gut in den Schulalltag integrieren lassen, sowie enge Abstimmung mit den Lehrkräften und Schulen. Gleichzeitig ist es wichtig, langfristige Partnerschaften aufzubauen, um die Wirkung zu verstetigen.

Wenn jemand aus „dem richtigen Leben“ erzählt, entsteht ein spannender Zugang zu Berufen und Werdegängen. Besonders faszinierend wird es, wenn die Role Models aus ähnlichen Lebenssituationen kommen und teilen, wie sie Herausforderungen gemeistert haben. Das schafft Identifikation und macht neue Wege vorstellbar.

Sonja Scott, erste Vorsitzende Inspiring Girls Deutschland e. V.