23.02.2026
„Wenn Eltern merken, dass ihre Perspektiven gehört werden, entsteht mehr Offenheit für klischeefreie Berufswege“
Der Schwerpunkt von duvia e. V. liegt in der Konzeption und Durchführung von demokratiepädagogischen Angeboten, die darauf abzielen, Menschen zu empowern. Im Interview spricht Co-Gründerin Reina-Maria Nerlich auch darüber, wie Eltern in die Berufsorientierung ihrer Kinder mit einbezogen werden können.
Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt in der Demokratiepädagogik. Welche Rolle spielt Demokratiebildung aus Ihrer Sicht heute – insbesondere im schulischen und pädagogischen Kontext?
Demokratiebildung ist für uns kein optionales Zusatzthema, sondern zentraler Teil jeder pädagogischen Praxis. Schule soll, so sagt es auch das Schulgesetz, junge Menschen nicht nur auf Bildungsabschlüsse vorbereiten, sondern darauf, sich als mündige Bürger*innen in einer vielfältigen, demokratischen Gesellschaft zu bewegen.
Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) beschreibt Demokratiebildung als Querschnittsaufgabe über alle Fächer hinweg. Für uns geht es dabei vor allem um Selbstwirksamkeit: Jugendliche sollen erleben, dass sie Gesellschaft mitgestalten können und sich fragen, wie ein gerechtes Miteinander eigentlich aussehen soll.
Eltern spielen eine zentrale Rolle in der Berufsorientierung junger Menschen. Wie können Schulen und Lehrkräfte Eltern – mit und ohne Zuwanderungsgeschichte – gut erreichen und aktiv in eine klischeefreie Berufsorientierung einbeziehen? Welche Formate haben sich aus Ihrer Erfahrung bewährt?
Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, Eltern als Expert*innen für ihre eigenen Kinder ernst zu nehmen. Lehrkräfte oder Pädagog*innen bringen Impulse ein, aber Entscheidungen entstehen im Dialog. Diese Haltung schafft Vertrauen – gerade auch bei Erziehungsberechtigten, die sich im Bildungssystem selbst unsicher fühlen.
Wichtig ist, konsequent das Wohl und die Entwicklung des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen und gleichzeitig Sorgen oder Erwartungen der Erziehungsberechtigten früh mitzudenken. Wenn Erziehungsberechtigte merken, dass ihre Perspektiven gehört werden, entsteht deutlich mehr Offenheit für klischeefreie Berufswege.
Was wir als Formate an Kooperationsschulen als sehr gelungen empfunden haben: Mehrsprachige Ansätze, dialogische Ansätze und Räume, um über die eigenen Bilder über Berufe und Zukunftswege zu sprechen. Herausfordernd, aber so wichtig ist es, dabei diverse Lebensrealitäten mitzudenken, damit sich möglichst viele Familien angesprochen fühlen von solchen Angeboten.
Geschlechterklischees beeinflussen Bildungs- und Berufsentscheidungen nach wie vor stark. Beobachten Sie Unterschiede darin, wie Eltern mit Zuwanderungsgeschichte in diese Prozesse eingebunden sind oder welche Erwartungen sie an berufliche Wege haben? Welche Differenzierungen innerhalb dieser vielfältigen Gruppe sind dabei wichtig?
In unserer Arbeit begegnen uns immer wieder sehr unterschiedliche Familienbiografien. Manche Erziehungsberechtigte mit eigenen oder familiären Migrationserfahrungen verbinden mit Bildung und Beruf große Hoffnungen auf Stabilität und Sicherheit. Daraus kann ein hoher Leistungsanspruch entstehen.
Viele Jugendliche wachsen mit Botschaften auf wie „Du musst es hier schaffen“ oder „Du musst vielleicht mehr leisten als andere“. Diese Perspektiven sind häufig Ausdruck von Fürsorge und Schutz. Sie können aber gleichzeitig Druck erzeugen.
Wenn junge Menschen zusätzlich Wege einschlagen möchten, die mit Geschlechterklischees brechen, braucht es deshalb besonders viel Unterstützung und Ermutigung. Wichtig ist uns dabei, Familien nicht zu vereinheitlichen, sondern unterschiedliche Lebensrealitäten, Bildungsbiografien und Erwartungen ernst zu nehmen.
Migrationserfahrungen – eigene oder familiäre – prägen häufig Perspektiven auf Arbeit und Erfolg. Inwiefern beeinflussen diese Erfahrungen die beruflichen Erwartungen an Mädchen und Jungen, und wie können Schulen diese Perspektiven konstruktiv aufgreifen, statt sie zu problematisieren?
Aus unserer Sicht ist zentral, dass Stereotype nicht pauschal Kulturen, Milieus oder Religionen zugeschrieben werden. Erwartungen an Mädchen und Jungen entstehen nicht nur in einzelnen Familien, sondern sind Teil gesellschaftlicher Strukturen.
Wenn Jugendliche sich machtvollen Rollenbildern und unterschiedlichen Erwartungen an ihre berufliche Zukunft gegenübersehen, braucht es deshalb einen strukturellen Blick statt vereinfachender Zuschreibungen. Schulen können hier ansetzen, indem sie vielfältige Vorbilder sichtbar machen, Gespräche öffnen und Räume schaffen, in denen Jugendliche eigene Wege jenseits von Klischees erproben können.
Und nicht zuletzt müssen wir auch in Schulen daran arbeiten Rollenbilder und Klischees zu hinterfragen. Die Antworten auf die Frage „Welchem Kind wird was zugetraut?“ sind häufig auch von unseren Bildern über die (vermeintliche) kulturelle oder soziale Herkunft geprägt. Das muss aktiv und kritisch hinterfragt werden. Am besten indem das Kollegium ein gemeinsames Verständnis für Diskriminierung und ihre Wirkungen entwickelt und dann Strukturen der wertschätzenden kollegialen Beratung etabliert.
Aus Ihrer Sicht: Welche strukturellen oder systemischen Veränderungen im Bildungssystem, in der Schullandschaft oder auf dem Arbeitsmarkt wären notwendig, um allen jungen Menschen – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder sozialem Hintergrund – gerechtere und klischeefreie berufliche Chancen zu ermöglichen?
Aus unserer Sicht braucht es vor allem strukturelle Veränderungen, die nicht nur auf das Verhalten einzelner Jugendlicher zielen, sondern auf die Rahmenbedingungen, in denen Entscheidungen entstehen. Dazu gehört erstens, Berufsorientierung nicht als einmaliges Projekt zu denken, sondern als langfristigen, diskriminierungssensiblen Prozess – getragen von multiprofessionellen Teams aus Lehrkräften, Schulsozialarbeit, außerschulischen Trägern und Berufsberatung.
Zweitens braucht es eine stärkere Öffnung von Schule: Kooperationen mit zivilgesellschaftlichen Initiativen, Betrieben und unterschiedlichen Lebensrealitäten erweitern Perspektiven und helfen, stereotype Berufs- und Rollenbilder aufzubrechen. Gleichzeitig sehen wir einen großen Bedarf an diversitätsbewusster Aus- und Fortbildung für pädagogische Fachkräfte, damit Klischees nicht (unbewusst) reproduziert werden.
Und drittens liegt Verantwortung auch auf dem Arbeitsmarkt: transparentere Zugänge, vielfältige Vorbilder und Strukturen, die nicht nur bestimmte Bildungsbiografien belohnen.
Gerechtere Chancen entstehen dort, wo Schule, Familie und Arbeitswelt gemeinsam Verantwortung übernehmen und wo nicht junge Menschen sich an starre Systeme anpassen müssen, sondern Systeme sich öffnen.
Sie eröffnen Räume für Empowerment, Dialog und humorvolle Begegnung. Welche Rolle spielen Humor und Leichtigkeit ganz konkret in Ihren Formaten, und warum sind sie aus Ihrer Sicht für die Zielgruppenarbeit so zentral?
Uns ist wichtig, dass Engagement, Partizipation und eben auch die Planung der eigenen und der gesellschaftlichen Zukunft zwar komplexe Sachverhalte sind, aber auch Spaß machen dürfen. Denn diese Chancen zu haben, ist ja eigentlich per se schon etwas unglaublich Tolles. Humor und Leichtigkeit helfen dabei, Zugänge zu schaffen, gerade bei Themen, die sonst schnell mit Druck oder moralischem Anspruch verbunden sind.
In unseren Formaten nutzen wir Humor zum Beispiel, um Hierarchien aufzubrechen, Perspektivwechsel zu ermöglichen oder schwierige Erfahrungen vorsichtig anzusprechen. Wenn gemeinsam gelacht wird, entsteht oft ein Raum, in dem sich mehr Menschen trauen, ihre eigenen Gedanken einzubringen. Leichtigkeit bedeutet für uns dabei nicht Oberflächlichkeit, sondern die Möglichkeit, auch in herausfordernden Themen Verbindung zu erleben.