08.07.2026
„Vorbilder sind wichtig – aber nicht im Sinne neuer Heldenbilder“
Welche Männlichkeitsbilder beeinflussen die Berufswahl von Jungen? Im Interview erklärt die LAG Jungenarbeit NRW, warum geschlechterreflektierte Berufsorientierung den Möglichkeitsraum erweitert – für Jungen und Mädchen gleichermaßen.
Welche Männlichkeitsbilder erschweren jungen Männern Berufe aus den Bereichen Pflege, Bildung und Erziehung (SAHGE-Berufe) zu wählen – und wie können Schulen und Betriebe dem entgegenwirken?
Aus Sicht der Jungen*arbeit geht es zunächst darum, die Vorstellung zu hinterfragen, dass es überhaupt nur eine „richtige“ Art gibt, Junge oder Mann zu sein. Viele Jungen* wachsen heute mit widersprüchlichen Botschaften auf. Einerseits sollen sie gleichberechtigt, empathisch und emotional kompetent sein, andererseits begegnen ihnen nach wie vor sehr dominante Männlichkeitsbilder.
Besonders auf Social Media, aber auch in Filmen, Werbung oder anderen Medien, werden Männlichkeit und Erfolg häufig über finanzielle Unabhängigkeit, unternehmerischen Erfolg, Führungspositionen, körperliche Leistungsfähigkeit und Rationalität definiert. Arbeit erscheint dabei vor allem als Mittel zur Status- und Kapitalgewinnung. Berufe, die Sinn stiften, Beziehungen gestalten oder einen gesellschaftlichen Beitrag leisten – wie Pflege, Bildung oder Erziehung – bleiben in diesen Bildern häufig unsichtbar oder gelten als weniger prestigeträchtig.
Diese Vorstellungen entstehen jedoch nicht ausschließlich durch soziale Medien. Männlichkeitsanforderungen wirken viel subtiler und durchziehen nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche. Sie spiegeln sich auch in institutionellen Strukturen wider – beispielsweise in tradierten Vorstellungen von Ehe, Familie oder Elternschaft. Noch immer wird der Mann* häufig als Hauptverdiener gedacht, während Care-Arbeit und emotionale Verantwortung stärker Frauen* zugeschrieben werden. Dadurch fehlen Jungen* oft Vorbilder, die andere Lebens- und Berufsmodelle selbstverständlich vorleben. Selbst engagierte Väter oder Männer* in sozialen Berufen stoßen häufig an strukturelle Grenzen und gesellschaftliche Erwartungen.
Deshalb geht es in der Jungen*arbeit nicht darum, Jungen* von technischen oder wirtschaftlichen Berufen abzubringen oder sie gezielt in soziale Berufe zu lenken. Vielmehr soll ihr Berufswahlspektrum erweitert werden. Jungen* sollen die Freiheit haben, Berufe nach ihren Interessen, Fähigkeiten und persönlichen Werten auszuwählen – unabhängig davon, welche Vorstellungen von Männlichkeit damit verbunden sind.
Schulen und Betriebe können dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Sie sollten Räume schaffen, in denen stereotype Vorstellungen von Berufen und Männlichkeit gemeinsam reflektiert werden können und in denen Jungen* ihre Wünsche, Interessen und Unsicherheiten wertfrei äußern dürfen. Ebenso wichtig ist eine ehrliche Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Rahmenbedingungen verschiedener Berufe – etwa hinsichtlich Einkommen, Arbeitsbedingungen, Entwicklungsmöglichkeiten, Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder gesellschaftlicher Bedeutung.
Wie wirkt sich der allgemeine Druck „ein richtiger Junge“ zu sein, auf die Lernmotivation und damit auf spätere Berufschancen aus?
Viele Jungen* erleben heute einen erheblichen Orientierungs- und Leistungsdruck, der nicht nur aus klassischen Männlichkeitsbildern entsteht, sondern auch aus deren Transformation. Einerseits verlieren traditionelle Rollenbilder an Eindeutigkeit, andererseits bleiben zentrale Erwartungen bestehen oder werden sogar verschärft: Jungen* sollen souverän, kontrolliert, emotional unverwundbar und jederzeit „cool“ auftreten. Gleichzeitig gilt weiterhin die implizite Regel, niemals als „Opfer“ oder schwach zu erscheinen.
Gerade in der Phase der Identitätsentwicklung orientieren sich viele Jungen* stark an ihrer Peergroup. Wer einen sozialen Beruf interessant findet oder Gefühle offen zeigt, riskiert mitunter, als „unmännlich“ bewertet zu werden. Gleichzeitig erleben viele Jungen*, dass traditionelle Männlichkeit gesellschaftlich zunehmend kritisch betrachtet wird. Diese Ambivalenz kann zu Verunsicherung führen.
Dieser Druck erzeugt eine permanente Wettbewerbssituation – sowohl mit anderen Jungen* als auch mit sich selbst. Viele Jungen* versuchen, diesen Erwartungen durch konkrete Verhaltensweisen gerecht zu werden. Dazu gehört etwa, sich im Klassenraum lautstark zu positionieren, ständig den letzten Kommentar zu haben, Autoritäten herauszufordern, wenn sie sich bloßgestellt fühlen, oder sich gegenüber Mitschüler*innen durch Dominanz zu behaupten.
Im schulischen Kontext werden diese Verhaltensweisen häufig als störend oder negativ interpretiert, was zu Konflikten mit Lehrkräften und Mitschüler*innen führt. Schule wird dadurch nicht selten zu einem Ort wechselseitiger Abwertung, an dem Beziehungen zwischen Jungen* und Lehrkräften belastet werden.
Aus Sicht der Jungen*arbeit ist dabei wichtig zu verstehen, dass viele Jungen* nicht primär Probleme mit dem Lernstoff haben, sondern dass ihre Rolle als „Junge“ und ihre Rolle als „Schüler“ in Spannung zueinander geraten. Das Bedürfnis, ein bestimmtes Männlichkeitsbild zu erfüllen, steht dann in Konkurrenz zu den Anforderungen des schulischen Lernens, das oft Kooperation, Fehlerfreundlichkeit, Zurücknahme und Reflexion erfordert.
Diese Spannung wirkt sich langfristig auf Lernmotivation und Bildungschancen aus. Wenn Schule vor allem als Ort erlebt wird, an dem das eigene Auftreten und die eigene Position im sozialen Gefüge ständig verhandelt werden müssen, tritt der eigentliche Lernprozess in den Hintergrund. Jungen*arbeit setzt deshalb darauf, diese Dynamiken sichtbar zu machen und Räume zu schaffen, in denen alternative Formen von Anerkennung möglich werden – jenseits von Dominanz, Konkurrenz und Abwertung.
Was braucht Schule, um eine geschlechterreflektierte Berufsorientierung für Jungen zu ermöglichen? Und was ist mit den Mädchen?
Eine geschlechterreflektierte Berufsorientierung beginnt aus Sicht der Jungen*arbeit nicht erst bei der konkreten Berufswahl, sondern bei der grundlegenden Frage, unter welchen Bedingungen Jugendliche überhaupt über sich und ihre Zukunft nachdenken können. Schule braucht dafür zunächst systematisch verankerte Räume, in denen Geschlechternormen überhaupt reflektiert werden können – und in denen Kinder und Jugendliche auch zeitweise von diesen Erwartungen entlastet werden. Es muss möglich sein, dass Schüler*innen sich nicht permanent unter dem Druck erleben, bestimmte Rollen als „Junge“ oder „Mädchen“ erfüllen zu müssen. Nur unter solchen Bedingungen kann über Beruf und Zukunft tatsächlich offen, wertfrei und klischeefrei gesprochen werden.
Zentral ist dabei, dass diese Reflexionsräume nicht als einmalige Projekte oder punktuelle Interventionen stattfinden, sondern dauerhaft im Schulalltag verankert sind. Dazu gehört auch ein pädagogisches Personal, das geschlechterreflektiert arbeitet, eigene Normvorstellungen kritisch hinterfragt und bereit ist, stereotype Zuschreibungen im Alltag zu erkennen und zu bearbeiten.
Ein weiterer wichtiger Baustein ist die Sichtbarmachung vielfältiger Vorbilder, die bewusst mit klassischen Rollenbildern brechen.
Für Jungen* und Mädchen* gleichermaßen gilt: Eine solche Struktur erweitert den Möglichkeitsraum. Jungen* können Berufe jenseits traditioneller Männlichkeitszuschreibungen in Betracht ziehen, ohne ihre Identität infrage stellen zu müssen. Mädchen* erhalten ebenso die Möglichkeit, sich unabhängig von Weiblichkeitsnormen zu orientieren. Methodisch kann dies sowohl durch geschlechtshomogene als auch geschlechtsheterogene Settings zur Auseinandersetzung mit Berufswahl und Zukunftsperspektiven erfolgen. Dabei entstehen sowohl neue Perspektiven als auch eine Entlastung von möglichem Erwartungsdruck gegenüber den jeweils anderen Geschlechtern.
Wie können männliche Vorbilder in sozialen und pädagogischen Berufen gezielt sichtbar gemacht werden, um Jungen in ihrer Berufswahl zu ermutigen?
Vorbilder sind wichtig – allerdings nicht im Sinne neuer Heldenbilder. Jungen*arbeit möchte gerade vermeiden, dass einzelne Männer* als außergewöhnliche Ausnahmen präsentiert werden. Viel wichtiger ist es, die Vielfalt von Männern* sichtbar zu machen.
Jungen* sollten erleben, dass Männer* ganz unterschiedlich leben, arbeiten und ihre Männlichkeit gestalten können. Der Erzieher* in der Kita, der Krankenpfleger* auf der Intensivstation oder der Sozialarbeiter* im Jugendzentrum zeigen, dass Verantwortung, Fürsorge und Beziehungsarbeit selbstverständlich Teil männlicher Lebensentwürfe sein können.
Ebenso wichtig ist aber, dass diese Männer* nicht ausschließlich über ihr Geschlecht definiert werden. Sie sind Fachkräfte mit unterschiedlichen Biografien, Interessen und Persönlichkeiten. Genau diese Vielfalt eröffnet Jungen* neue Identifikationsmöglichkeiten und macht deutlich, dass berufliche Entscheidungen nicht von Geschlechterrollen bestimmt werden müssen.
Wie kann Jungenarbeit als strukturelle Querschnittsaufgabe in Schulen verankert werden, statt ein randständiges Zusatzangebot zu bleiben?
Wenn Jungen*arbeit wirksam sein soll, muss sie strukturell in Schule verankert werden – als Querschnittsaufgabe, die Unterricht, Schulklima, Berufsorientierung und pädagogische Haltung gleichermaßen betrifft.
Ein zentraler Baustein ist die verbindliche und langfristige Finanzierung von Fortbildungen für Lehrkräfte und pädagogisches Personal. Geschlechterreflektierte Arbeit darf nicht von individuellen Interessen oder Engagement einzelner Personen abhängen, sondern muss institutionell abgesichert sein. Dazu gehört auch, dass Jungen*arbeit als gemeinsame professionelle Aufgabe des gesamten Kollegiums verstanden wird.
Ebenso wichtig ist die Möglichkeit zur Beziehungsarbeit im schulischen Alltag. Jungen* brauchen stabile, verlässliche Beziehungen zu Erwachsenen in der Schule, in denen sie nicht ausschließlich über Leistung oder Verhalten bewertet werden. Gerade diese Beziehungsdimension ist oft entscheidend dafür, ob Jungen* sich überhaupt auf Lern- und Entwicklungsprozesse einlassen können.
Dazu gehört auch ein grundlegender Perspektivwechsel im schulischen Umgang mit Jungen*: Sie dürfen nicht primär mit einer „Defizitbrille“ betrachtet werden, in der sie vor allem als Störer oder Problemfälle erscheinen. Vielmehr geht es darum, Verhaltensweisen im Kontext von Rollenanforderungen und gesellschaftlichen Erwartungen zu verstehen, statt sie ausschließlich zu individualisieren oder zu pathologisieren. Strukturell bedeutet Verankerung außerdem, dass Jungen*arbeit nicht auf Projektwochen, Aktionstage oder Einzelangebote reduziert wird, sondern fest in Lehrplänen, Schulprogrammen und Fachcurricula integriert ist. Geschlechterreflexion sollte damit ein kontinuierlicher Bestandteil schulischen Lernens sein.
Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt ist, dass sich eine in der Schule entwickelte geschlechterreflektierte Haltung auch konsequent im Unterrichtsmaterial und in der Auswahl von Inhalten widerspiegeln sollte. Jungen*arbeit bleibt sonst auf der Ebene von Haltung oder Einzelprojekten stehen, ohne im alltäglichen Lernen sichtbar zu werden. Wenn Lehrkräfte geschlechterreflektiert arbeiten, zeigt sich das auch darin, welche Beispiele, Texte und Aufgaben im Unterricht verwendet werden und welche Bilder von Männlichkeiten und Weiblichkeiten dadurch vermittelt oder hinterfragt werden.
Beispielsweise könnten etwa im Deutsch- oder Literaturunterricht Texte, die unterschiedliche männliche Lebensentwürfe zeigen – von fürsorglich bis nicht-konform genutzt werden. In Geschichte durch die Betrachtung vielfältiger männlicher Rollen in Familie, Arbeit, Krieg oder sozialen Bewegungen. In Mathematik oder Physik durch kontextualisierte Aufgaben, die Berufe und Lebensrealitäten jenseits klassischer Rollenbilder sichtbar machen. Und in Gesellschaftslehre oder Ethik durch eine systematische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Formen von Männlichkeit, Identität und Geschlechterrollen.
Insgesamt geht es darum, Schule so zu gestalten, dass Jungen* nicht in engen Rollenerwartungen festgehalten werden, sondern unterschiedliche Formen von Junge*- und Mann*-Sein als normal und legitim erleben können. Jungen*arbeit wird damit nicht zum Zusatz, sondern zu einem grundlegenden Bestandteil schulischer Bildung und Persönlichkeitsentwicklung.