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08.09.2021

„Eine gerechte Rollenverteilung stärkt die Erwerbs- und Finanzbiografien von Frauen“

Frauen zählen seit vielen Jahren zu den Bildungsgewinnerinnen und wählen ihre Lebensentwürfe selbstbestimmt. Dennoch verändern sich die Muster ihrer Erwerbsbiografien nur sehr langsam. Die Sozialwissenschaftlerin Dr. Birgit Happel sensibilisiert mit Geldbiografien® für das Zusammenspiel von Geld und Lebensgeschichte. Im Interview erläutert sie ihre Motivation, der Initiative Klischeefrei beizutreten.

„Eine gerechte Rollenverteilung stärkt die Erwerbs- und Finanzbiografien von Frauen“

Frau Happel, können Sie Ihre Plattform Geldbiografien kurz vorstellen?

Ja, gerne. Mit Geldbiografien verknüpfe ich individuelle und strukturelle Handlungsebenen und binde finanzielle Bildung und finanzielle Gleichstellung in biografische und gesellschaftliche Zusammenhänge ein. Meine Arbeit hat sich von der Vermögensberatung einer Bank über ein Soziologiestudium hin zur Verbraucherbildung und Gleichstellungsarbeit entwickelt. Über Vorträge, Workshops, Forschungs- und Consultingaufträge arbeite ich mit meinen Kooperationspartner:innen an der Professionalisierung der finanziellen Bildung und der Etablierung von Strukturen in der finanziellen Gleichstellung.

Als Mitglied von UN Women Deutschland liegen mir die Nachhaltigkeitsziele und die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen am Herzen. Hierzu müssen wir Geschlechterrollen aufbrechen. Und im Vorstand des Präventionsnetzwerks Finanzkompetenz setzen wir uns für eine chancengerechte Finanzbildung ein. Auch hier geht es um den Abbau von Vorurteilen, etwa in Bezug auf die Soziale Herkunft.

Was hat Sie motiviert, sich in der Initiative Klischeefrei zu engagieren?

Seit mehr als zehn Jahren arbeite ich mit Schulen, Hochschulen, Organisationen, Stiftungen und Frauennetzwerken zusammen. Gerade in Deutschland ist die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen im Zuge von Familiengründungen nicht sichergestellt und gleichzeitig fehlt Frauen eine Portion finanzielles Selbstvertrauen. Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass es mit finanzieller Bildung allein nicht getan ist und meine Arbeit wurde von Jahr zu Jahr politischer. Der Frauenanteil in Führungspositionen steigt nur langsam und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hinken der Wirklichkeit hinterher.

Wir sind umgeben von (unbewussten) Geschlechterklischees und Stereotypen. Als Soziologin ist es mir wichtig, junge Menschen für die Bedeutung gesellschaftlicher Strukturen zu sensibilisieren, damit verfestigte Rollenbilder verändert werden können. Deswegen unterstütze ich die Ziele der Initiative Klischeefrei für eine klischeefreie Studien- und Berufswahl und faire Rollenverteilung in Familien. Menschen sollen ihre Begabungen und Potenziale unabhängig von Geschlechterrollen und überholten Denkmustern leben können.

Auf welche Weise setzen Sie sich mit Geldbiografien für eine geschlechtersensible Berufs- und Studienorientierung ein?

Mit meinen Kooperationspartner:innen führe ich unter anderem Veranstaltungen in Schulen und an Hochschulen durch, um auf die nach wie vor geschlechtsspezifische Berufsorientierung hinzuweisen. Bei Präsenzveranstaltungen haben wir auch die Materialien der Initiative Klischeefrei dabei. Bei unseren Veranstaltungen zur Berufswahlorientierung und Finanzkompetenz an Schulen arbeiten wir mit Erfolgsgeschichten und zeigen Wege zu klischeefreien Entwicklungsmöglichkeiten auf, vor allem im Hinblick auf Chancengerechtigkeit. Dazu gehört natürlich eine Aufklärung über Geschlechterstereotypen, um die Bildungswege langfristig positiv zu prägen. Auch eine Identifikation mit Vorbildern ist wichtig.

Genauso hat die Rollenverteilung in den Familien viel Luft nach oben hin zu einem partnerschaftlichen Modell. Wir möchten Frauen vor den typischen Fallstricken in ihren Karrieren bewahren und mit gendersensiblen Nachwuchsprojekten Impulse für eine geschlechtergerechte Gesellschaft setzen. Um die finanzielle Selbstbestimmung von Frauen zu stärken, arbeite ich mit Frauenförderstellen zusammen und unterstütze neben UN Women und dem Frauenhearing Aschaffenburg auch andere Initiativen, zum Beispiel die Equal Care Day Bewegung, um auf die Bedeutung der unbezahlten Sorgearbeit aufmerksam zu machen. Auch beim Equal Pay Day engagiere ich mich seit vielen Jahren. Da geht es ja nicht allein um den Gender Pay Gap und gerechte Löhne, sondern es werden die grundlegenden Unterschiede von Entgeltungleichheit aufgezeigt. Es geht immer darum, auf zivilgesellschaftlicher und politischer Ebene Veränderungen anzustoßen.

Welche Erfolge haben Sie bereits mit Ihrem Engagement erreichen können?

Wir haben in diesem Jahr den bundesweit ersten Bildungsurlaub zur finanziellen Gleichstellung durchgeführt, um Einzelfrauen und Multiplikatorinnen die Wechselwirkungen von individueller Handlungsebene und gesellschaftlichen Strukturen aufzuzeigen und Schritte an die Hand zu geben, die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen zu fördern. Dies vor allem, um die Erwerbs- und Finanzbiografien zu synchronisieren. Denn leider hat sich die Bildungsmobilität von Frauen nicht ausreichend in beruflichen Karrieren niedergeschlagen, was sich natürlich auch am deutlich niedrigeren Lebenserwerbseinkommen von Müttern zeigt.

Beim Wiedereinstieg unterstützen wir Frauen mit Angeboten, die auch die strategische Karriereentwicklung im Blick haben, um ihre Arbeitsmarktpartizipation zu stärken. Vielen sind Themen wie Elterndiskriminierung am Arbeitsmarkt oder die Auswirkungen des Gender Bias nicht bewusst, sodass wir immer noch für die Strukturbedingungen sensibilisieren. Das mache ich auch auf meinen Social-Media-Kanälen. Viele Frauen geben uns die Rückmeldung, dass sie erleichtert sind, wenn sie realisieren, dass ihre brüchigen Berufsbiografien kein persönliches Verschulden, sondern ein gesellschaftliches Muster darstellen. Seit wir auf inklusive Ausschreibungstexte achten, kommen erfreulicherweise auch immer mehr Männer und Väter zu unseren Veranstaltungen, einfach, weil sie in ihren eigenen Familien als Vorbilder agieren und Rollenklischees überwinden möchten.

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