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„Geschlechterklischees und Vorurteile verzerren die Berufswahl“

v.l.n.r.: Madeleine Wolf, Paul Lorenz (visionYOU)
© Karla Fritze

Mit der visionTour, einem multimedialen Unterrichtskonzept, will visionYOU Berufsorientierung für Jugendliche zum interaktiven Erlebnis machen und gleichzeitig zur Lösung des Fachkräftemangels auf Seite der Unternehmen beitragen.

Frau Kreis, können Sie visionYOU kurz vorstellen?

Die visionYOU GmbH ist eine Kreativagentur für digitale Bildung und sichert als Schnittstelle zwischen Unternehmen, Bildungsträgern sowie Schülerinnen und Schülern die Nachwuchskräftesicherung auf regionaler Ebene.

Wir sind ein Brandenburger Start-up, das durch eigene digitale Bildungsangebote und Vernetzung die Berufsorientierung in Schulen erlebbar macht und Wirtschaftsunternehmen in der Region Berlin/Brandenburg frühzeitig den direkten Zugang zu interessiertem Nachwuchs ermöglicht.

Wir kombinieren virtuelle und reale Angebote zur Berufsorientierung und konzentrieren uns auf die Darstellung von Ausbildungsberufen. Wir bieten Schulen und Bildungsträgern unsere visionTour an. Das ist ein modular aufgebautes multimediales Unterrichtskonzept zur Berufsorientierung und richtet sich an Schülerinnen und Schüler ab Klasse 7. Die visionTour besteht aus zwei Unterrichtseinheiten und einer interaktiven Betriebserkundung. Dieses Angebot umfasst die Vermittlung von Berufswahlkompetenz und kann um Medienkompetenz, Programmier- und IT-Kompetenz erweitert werden.

Die visionTour lässt sich individuell für die Bedürfnisse der Schulen konzipieren. Unsere Unternehmenspartner werden aktiv in die visionTour eingebunden. Für sie entwickeln wir interaktive und zielgruppengerechte Betriebserkundungen. In der Ausgestaltung unserer Angebote setzen wir stark auf Edutainment und binden die Schülerinnen und Schüler in das Konzept so ein, dass sie selbst aktiv werden.

Wir haben die visionYOU GmbH im vergangenen Jahr gegründet und mittlerweile die visionTour erfolgreich in drei Schulklassen pilotiert. Die Gründungsidee entstand aus dem gemeinsamen Studium der drei Gründerinnen und Gründer Teresa Kreis, Paul Lorenz und Madeleine Wolf. Mit unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen haben wir schließlich gemeinsam nachhaltige Unternehmensführung an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde studiert. Das hat uns motiviert, gemeinsam ein Unternehmen zu gründen, das sich den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit mit einer wirtschaftlich tragfähigen Lösung widmet.

Unser Ziel ist es, Berufsorientierung für Jugendliche zum interaktiven Erlebnis zu machen und gleichzeitig zur Lösung des Fachkräftemangels auf Seite der Unternehmen beizutragen.

Was hat Sie motiviert, sich in der Initiative Klischeefrei zu engagieren?

Den Grundstein für unsere Geschäftsidee haben wir bereits in unserer gemeinsamen Masterarbeit gelegt. Dort haben wir einen Schwerpunkt auf die Analyse der Problemlagen im Spannungsfeld zwischen Berufsorientierung und Fachkräftemangel gelegt. Für uns wurde dabei deutlich, dass eines der Probleme in einer durch Geschlechterklischees und Vorurteile verzerrten Berufswahl liegt.

Für uns ist es daher eine Selbstverständlichkeit, die Angebote, die wir neu entwickeln, auch geschlechtersensibel zu gestalten. Wir denken das von Anfang an mit. Als wir von der Initiative Klischeefrei erfuhren, war ein Engagement für uns selbstverständlich.

Auf welche Weise setzt sich visionYOU für eine geschlechtersensible Berufs- und
Studienorientierung ein?

Ein wichtiger Bestandteil unseres didaktischen Gesamtkonzeptes für eine wirksame Berufsorientierung ist die Einbindung von Filmen in ein modernes Unterrichtskonzept. Wir haben daher im vergangenen Jahr mehrere Filme, teilweise zu einzelnen Berufsbildern, selbst produziert.

Dabei beachten wir gezielt auch Aspekte einer geschlechtersensiblen Berufsorientierung. So stellen wir die Berufe überwiegend mit der ungewöhnlicheren Geschlechtsbesetzung dar, um mit Vorurteilen zu brechen. Ein besonders gelungenes Beispiel ist der Film zum Berufsbild Erzieher/-in, das durch einen männlichen Erzieher dargestellt wird. In diesem Beruf spielen stereotype Rollenbilder eine besonders unrühmliche Rolle, der Anteil männlicher pädagogischer Fachkräfte in Kitas liegt gerade einmal bei 2,4 Prozent (Studie des BMFSFJ, 2015).

Im Rahmen unserer visionTour achten wir darauf, Vorurteile zu entlarven und auf Geschlechterstereotype, die von Schülerinnen und Schülern geäußert werden, hinzuweisen bzw. diese gemeinsam kritisch zu reflektieren. Auch bei den Betriebserkundungen in unseren Partnerunternehmen achten wir auf eine klischeefreie Darstellung des Berufes.

Welche Erfolge haben Sie mit Ihrem Engagement bereits erreicht?

Gerade am bereits erwähnten Film über einen männlichen Erzieher lässt sich gut ablesen, dass dadurch auch Jungen angesprochen wurden. Im Rahmen unserer Pilotierung in drei Schulklassen konnten wir etwa ein Drittel der verfügbaren Plätze für die Betriebserkundung im Berufsfeld Soziales/Pädagogik an interessierte Jungen vergeben. Der Film findet großen Anklang in der am Dreh beteiligten Kita und deren Träger FRÖBEL e.V. sowie in den Schulklassen unserer Pilotierung.

Die Schülerinnen und Schüler konnten im Rahmen der visionTour nach der ersten Unterrichtseinheit selbst mitbestimmen, in welchem Berufsfeld sie ihre Betriebserkundung absolvieren möchten. Hier konnten wir auch für die anderen Berufsfelder zum Abbau von Geschlechterstereotypen beitragen, zum Beispiel waren viele Mädchen von der Betriebserkundung im Berufsfeld Metall/Maschinenbau begeistert, bei der sie auch mit weiblichen Auszubildenden vor Ort ins direkte Gespräch kamen.

Insgesamt war unsere Pilotierung sehr erfolgreich, das Feedback der Schülerinnen und Schüler, der Lehrkräfte sowie Unternehmensvertreterinnen - und Vertreter war insgesamt sehr positiv. Seit Januar 2018 erfreuen wir uns erster Kundenanfragen von zusätzlichen Schulen, die uns für die Durchführung der visionTour beauftragen wollen. Dafür planen wir weitere Videos und digitale Inhalte, die eine geschlechtersensible Berufsorientierung voranbringen.

Wir arbeiten wirkungsorientiert. Um unsere Wirkung (auch in Bezug auf klischeefreie Berufsorientierung) messbar machen zu können, arbeiten wir an einer Wirkungsanalyse und einem Social Reporting. Ein Wirkungsziel wird dabei sein, dass Jugendliche ihre Berufswahl auf Grundlage ihrer persönlichen Stärken und Interessen fällen, ohne dabei durch Geschlechterstereotype eingeschränkt zu werden.