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„Über Gendertische habe ich mich sehr geärgert“

6 Fragen an Mirai Mens, Buchbloggerin aus Berlin

Mirai Mens
© privat

Mirai Mens ist 13 Jahre alt und lebt in Berlin. Seit 2018 betreibt sie den Blog „Lass mal lesen!“. Für ihr Engagement wurde Mirai Ende vergangenen Jahres mit dem Deutschen Lesepreis ausgezeichnet. Mit der Instagram-Community @young_bookstagram und auf ihrem eigenen Kanal @lesehexemimi engagiert sie sich gegen Gender-Marketing.

Erzählst du uns was über deinen Blog?

Klar! Mein Blog heißt Lass mal lesen! Ich stelle dort Bücher für Kinder und Jugendliche vor. Außerdem veröffentliche ich Interviews mit Autor*innen, Illustrator*innen und anderen Leuten aus der Buchbranche.

Da ich nicht selbst alles abdecken kann oder will, habe ich verschiedene Gastautor*innen, die auch Rezensionen schreiben, zum Beispiel zu Pferdebüchern oder über Thriller (beides keine Genres, die ich besonders mag bzw. oft lese). Ich stelle gerne Bücher vor, in denen Diversität eine Rolle spielt, es keine typischen Klischees oder in denen es starke und mutige Protagonistinnen gibt.

Wie bist du darauf gekommen, dich gegen Mädchen- und Jungs-Büchertische zu engagieren? Was hat den Ausschlag gegeben?

Im Januar 2019 hatte ich in einer Thalia-Filiale in Berlin mehrere Gendertische gesehen, und mich darüber sehr geärgert. Mich störte nicht nur, dass die Bücher überhaupt nach Geschlecht eingeteilt wurden, sondern auch, dass die Auswahl sehr willkürlich war. Auf dem Tisch „Für coole Jungs“ (stand so oben drüber) lagen zum Beispiel „Woodwalkers“ und „Der Weltenexpress“, bei den Mädchen („Für freche Mädchen“) lag die Reihe „Emmi & Einschwein“.

Ich kenne alle drei Autorinnen persönlich und weiß, dass sie ihre Bücher für alle Kinder geschrieben haben und nicht nur für ein Geschlecht. Ich habe dazu dann einen Post auf meinem Instagram-Account @lesehexemimi verfasst und bekam darauf viel Resonanz.

Im Herbst hat ein anderer junger Bookstagramer (Daniel von @lesemagier) das Thema dann auch noch mal aufgegriffen, weil er so einen Tisch in einer Filiale in Nürnberg entdeckt hatte. Und als wir kurz darauf unsere Community Young Bookstagram gegründet haben, beschlossen wir, uns dem Thema noch mal gemeinsam anzunehmen.

Ich war im Januar in der Thalia-Marketingzentrale in Berlin zu einem Besuch eingeladen und habe gedacht: Eine gute Gelegenheit, um einen offenen Brief zu übergeben und darin unser Anliegen zu artikulieren. Parallel haben wir den Brief auch auf unserem Instagram-Account @young_bookstagram gepostet.

Die Resonanz war überwältigend. Wir bekamen darauf nämlich mehr als 3.000 Likes, mehr als 500 Kommentare und gewannen innerhalb von einem Tag 1.000 Abonnent*innen dazu. Und wir bekamen viele Medienanfragen, waren zum Beispiel im NDR Kulturjournal, bei KiKA und im ZEIT Magazin. Schließlich gab die Pressesprecherin von Thalia in einem öffentlichen Statement bekannt, dass Thalia auf solche Tische künftig verzichten und Bücher thematisch sortieren wird.

Das finde ich total richtig, denn Gendermarketing ist eine relativ neue Erfindung. Meine Eltern haben mir erzählt, dass damals, als sie Kinder waren, die Bücher auch nach Themen sortiert waren und nicht nach Geschlechtern.

Wie haben deine Familie, Freundinnen und Freunde auf den Blog und dein Engagement reagiert?

Sehr positiv. Meine Familie findet mein Engagement gut und steht voll hinter mir. Was meine Aktivitäten gegen Gendermarketing angeht: Einige meiner Freund*innen sind selbst engagiert und finden das gut. Andere haben das, glaube ich, gar nicht so mitbekommen oder nichts dazu gesagt. Mein Blog spielt bei denen nicht so eine große Rolle. Wir sprechen über andere Themen.

Aus der Sicht vieler Menschen gibt es Berufe oder Studienfächer für Mädchen und Berufe oder Studienfächer für Jungs. Viele junge Menschen orientieren sich nach der Schule an ihrem Geschlecht und wählen einen Beruf, der vermeintlich dazu passt. Würde ein anderes Marketing von Büchern oder Spielzeug/Spielen dazu beitragen, das zu ändern? Welche Art von Marketing für Bücher und Spielzeug könnte das ändern?

Ein genderneutrales Marketing, zum Beispiel eines, was Männer und Frauen, Mädchen und Jungen in beiden Rollen zeigt. Warum soll es zum Beispiel bei Playmobil nicht auch Männer mit Kinderwagen geben oder Bauarbeiterinnen?

Gut finde ich, dass Barbie (ausgerechnet) neuerdings zumindest manchmal in klassischen Männerberufen, zum Beispiel als Astronautin, gezeigt wird. Ich finde, so etwas müsste es viel häufiger geben.

Geschichten in Büchern sind häufig voller Klischees, nicht nur in den Klassikern aus früheren Jahrzehnten, wie zum Beispiel „5 Freunde“ von Enid Blyton. Jungs kommt darin eher die Heldenrolle oder die Rolle des Erfinders und Problemlösers zu. Mädchen kümmern sich mehr, sind ängstlicher oder müssen beschützt werden. Wie wirkt das auf junge Leserinnen und Leser?

Naja, wenn einem überall solche Genderklischees und Genderrollen begegnen, verinnerlicht man diese, ob bewusst oder unbewusst. Man passt sich an die einem „zugewiesene“ Rolle an, oder fragt sich, was mit einem falsch ist, wenn man sich anders verhält.

Das wird einem überall gesagt, in der Werbung, bei Instagram, aber auch schon (und dort oft besonders krass) bei Spielzeug oder Büchern für Kinder. Es ist ganz schwer, zu widerstehen, sich nicht einzufügen, und diese Muster zu durchbrechen. Zum Glück gibt es immer mehr Bücher, in denen Frauen und Mädchen Heldinnen sind oder arbeiten und Jungs und Männer weinen oder zu Hause bleiben.

Hast du schon an Berufsorientierungstagen wie dem Girls’Day teilgenommen und hast du schon konkrete Berufs- oder Studienziele, was möchtest du werden?

Ja, schon zweimal. Einmal war ich in einem kleinen Verlag und beim zweiten Mal habe ich an einem Kurs zum Thema Programmieren teilgenommen. In diesem Jahr wollte ich den Girls‘Day eigentlich bei einem Plattenlabel verbringen. Aber dann kam leider Corona dazwischen …

Ich habe super viele Interessen und noch gar keinen Plan, was ich später mal machen möchte. Ich kann mir gut vorstellen, in einem Verlag oder im Journalismus zu arbeiten, andererseits interessiere ich mich auch für Naturwissenschaften, Technik und Informatik. Vielleicht gründe ich aber auch ein Start-up und werde Unternehmerin!