10.09.2026
PISA: Mädchen in MINT gleichauf mit Jungen – warum spiegelt sich das so selten in der Berufswahl?
Die PISA-Studie liefert interessante Erkenntnisse auch für die Berufsorientierung. Zum Beispiel: Mädchen liegen in MINT-Fächern mit den Jungen gleichauf und bringen Kompetenzen für digitale und technische Berufe mit. Trotzdem tauchen beispielsweise IT-Berufe in ihren Berufsaspirationen kaum auf.
Liest man die Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie mit Blick auf Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler und die klischeefreie Berufsorientierung, bieten sich interessante Erkenntnisse. Denn: In den Naturwissenschaften unterscheiden sich die Leistungen von Mädchen und Jungen in Deutschland praktisch nicht. Nur in Mathematik liegen Jungen im Durchschnitt elf Punkte vor den Mädchen. Die Ergebnisse entlarven die Vorstellung, Mädchen seien schlecht in Mathe, Physik, oder Informatik, als Klischee.
Mädchen digital kompetenter als Jungen
Gerade für die Frage nach digitalen Kompetenzen lohnt der Blick auf eine zweite internationale Vergleichsstudie, die International Computer and Information Literacy Study (ICILS). Demnach sind Mädchen sogar digital kompetenter als Jungen.
Sie erreichen bei den computer- und informationsbezogenen Kompetenzen im Mittel 507 Punkte, Jungen 497 Punkte. Untersucht wird, wie Jugendliche Informationen mit digitalen Technologien recherchieren, bewerten, verarbeiten und nutzen.
Auch beim sogenannten Computational Thinking, also bei Fähigkeiten, die für informatisches Denken besonders relevant sind, zeigt sich kein deutlicher Nachteil der Mädchen. In Deutschland erreichten Mädchen 476 und Jungen 483 Punkte. Die ICILS bezieht sich auf die computer- und informationsbezogenen Kompetenzen von Jugendlichen in der achten Jahrgangsstufe und wird alle fünf Jahre erhoben.
Es gibt also keinen grundsätzlichen Kompetenznachteil von Mädchen. Trotzdem entscheiden sich Mädchen wesentlich seltener für IT-Berufe als Jungen.
Gender Gap bei Berufsvorstellungen
Befragt danach, ob sie sich für sich einen IT-Beruf vorstellen können, antworten Mädchen sehr viel häufiger mit nein als Jungen. Eine 2025 veröffentlichte OECD-Auswertung von PISA-2022-Daten zeigt: In Deutschland ziehen nur 2 Prozent der Mädchen einen IT-Beruf für sich in Betracht, bei den Jungen sind es ungefähr 12 Prozent. Im OECD-Durchschnitt ist das Muster ähnlich: 1,5 Prozent der Mädchen gegenüber 11,2 Prozent der Jungen erwarten, im Alter von etwa 30 Jahren im Bereich Informationstechnologie zu arbeiten. Die OECD zählt dabei sowohl IT-Fachberufe als auch IT-technische Berufe.
Eine stärkenorientierte Berufsorientierung muss auf diese unterschiedlichen Vorstellungen eingehen und Wege finden, wie IT-Berufe auch für Mädchen vorstellbar und attraktiv werden. Geschlechterstereotype stecken vielfach bereits in den Köpfen, der Erwachsenen und der Jugendlichen gleichermaßen. Klischees können das Spektrum der in Frage kommenden Berufsfelder einschränken, noch bevor der Berufswahlprozess richtig gestartet ist.
Für eine klischeefreie Berufsorientierung bedeutet das: Mädchen müssen nicht erst „fit für IT“ gemacht werden. Viele bringen relevante Kompetenzen bereits mit. Wichtiger ist, ihnen früh Einblicke in die Vielfalt von IT-Berufen zu geben, praktische Erfahrungen zu ermöglichen und damit ihre Selbstwirksamkeitserfahrungen zu stärken sowie Vorbilder sichtbar zu machen. Lehrkräfte, Beratende und Eltern sollten hinterfragen, ob sie technische Interessen bei Mädchen und Jungen gleichermaßen wahrnehmen und fördern.
Informationen und Materialien für eine klischeefreie Begleitung von Kindern und Jugendlichen im Berufswahlprozess finden sich in der Klischeefrei-Infothek.