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02.02.2026 | Margit von Kuhlmann

Bildungsauftrag Berufsorientierung

Wie Schulen zu einer gelingenden Berufswahl beitragen können

Berufsorientierung ist Teil des schulischen Bildungsauftrags. Los geht es in der 7. oder 8. Klasse. Geschlechterklischees sind da schon in den Köpfen der Jugendlichen verankert. Wie kann Schule trotzdem eine klischeefreie Berufsorientierung fördern? Wie blickt die Berufsbildungsforschung darauf?

Bildungsauftrag Berufsorientierung

Frauen als Elektronikerin? Viele Menschen – Jugendliche wie Erwachsene – können sich das nur schwer vorstellen: Nur 3 Prozent der rund 14.200 Ausbildungsverträge mit angehenden Elektroniker/-innen für Energie- und Gebäudetechnik wurden 2025 mit einer Frau geschlossen. 

Noch viel seltener sind Männer als Medizinischer Fachangestellter, zum Beispiel in Arztpraxen. Unter den über 16.000 neuen Azubis 2025 waren nur sechs Männer. 

Im Grundgesetz und auch in den Schulgesetzen der Länder ist die Gleichberechtigung der Geschlechter als allgemeiner Wert verankert. Eine geschlechtersensible Berufsorientierung ist in allen Bundesländern Teil des Bildungsauftrags der Schulen. Trotzdem verteilen sich Mädchen und Jungen auf unterschiedliche Berufe. 

Warum dieses Berufswahlverhalten?

Die amerikanische Psychologin Linda Gottfredson erklärte 1981 in ihrer Theorie von Eingrenzung und Kompromiss die Berufswahl als Teil der Persönlichkeitsentwicklung. Anhand von Kriterien wie Geschlecht, Ansehen der Berufe und persönlichen Interessen grenzen junge Menschen im Verlauf ihres Aufwachsens die Bandbreite der in Frage kommenden Berufe immer mehr ein. 

Dieser Prozess beginnt schon mit etwa drei Jahren: Kinder entdecken, dass sie Junge oder Mädchen sind, und erleben zugleich, dass Frauen und Männer oft unterschiedliche Dinge tun und sich auch unterschiedlich verhalten. 

In den folgenden Jahren lernen Kinder, dass mit Geschlecht bestimmte Erwartungen und Rollenkonzepte verbunden werden, und sie fangen an, diese zunächst auf Tätigkeitsbereiche und schließlich auf  Berufsvorstellungen zu übertragen. Erst gegen Ende der Schulzeit rücken eigene Interessen, Werte und Stärken in den Fokus. 

So entsteht eine individuelle Berufe-Landkarte, eine „Occupational Map“, in der Berufe wie in einer Matrix aus Geschlecht und Ansehen einsortiert werden. In die „Zone der akzeptablen Berufe“ kommen die, die sowohl zum Geschlecht als auch zu den eigenen Prestige-Erwartungen passen. Stärken und Talente sind nicht das ausschlaggebende Kriterium. 

Der Beruf der Elektronikerin liegt für junge Frauen damit schnell außerhalb der eigenen Vorstellungswelt, egal, ob er zu den eigenen Stärken passt. Das gleiche gilt für junge Männer und den Medizinischen Fachangestellten. 

Wie können Schulen zu einer gelingenden Berufsorientierung beitragen? 

Umso wichtiger ist eine geschlechtersensible, berufliche Orientierung in der Schule. Neuere Berufswahltheorien wie die Sozial-kognitive Laufbahntheorie (SCCT – Social Cognitive Career Theory, Lent et al., 1994) sehen die Berufswahl weniger linear, sondern als dynamischen Prozess. Er wird von vorhergehenden Lernerfahrungen und von Rückmeldungen der Umwelt, wie z.B. Eltern, Peergroup oder Lehrkräften beeinflusst. Im Zentrum steht die Wechselwirkung von Selbstwirksamkeitserfahrungen, eigenen Zielen und Ergebniserwartungen. Der Faktor Geschlecht kommt in der SCCT über den Einfluss des Umfelds zum Tragen, über vorgelebte Rollenbilder, geschlechtsbezogene Zuschreibungen usw. Die SCCT geht davon aus, dass Interventionen von außen Prägungen aufbrechen und durch neue Selbstwirksamkeitserfahrungen Vorlieben verändern werden können. 

Hier kommen Lehrkräfte ins Spiel. Durch ihre pädagogische Haltung und die Art und Weise, wie sie Berufsorientierung im Unterricht und in außerschulischen Lernorten gestalten, machen sie Klischees sichtbar und geben den Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Talente jenseits von Geschlechterstereotypen zu entdecken. Wichtig für die Selbstwirksamkeit der Schülerinnen und Schüler ist besonders die Reflexion des Erlebten. 

Übung macht den Unterschied, nicht das Geschlecht. 

Statistisch lassen sich klassische Zuschreibungen an Geschlechter, wie zum Beispiel, Mädchen könnten keine Mathe und seien technisch weniger begabt, nicht belegen. Der PISA-Leistungsvergleich von 2022 konnte keine Unterschiede in den Kompetenzen 15-jähriger Schülerinnen und Schüler in naturwissenschaftlichen Fächern feststellen, wohl aber in der Lesekompetenz, die bei Mädchen ausgeprägter ist als bei Jungen. Als Ursache wird unter anderem die unterschiedliche Freizeitgestaltung angesehen: Mädchen lesen mehr Bücher. 

Die internationale Studie „Computer- und informationsbezogene Kompetenzen und Kompetenzen im Bereich Computational Thinking von Schüler*innen im internationalen Vergleich“ (ICILS 2023) belegt für die 8. Klasse sogar signifikant höhere digitale Kompetenzen bei Mädchen als bei Jungen – und zwar in allen teilnehmenden Ländern. 

Lehrmaterial ist nicht automatisch klischeefrei 

Lehrkräfte sollten ihre Lehrmaterialien zudem kritisch prüfen: Materialien für die Berufsorientierung sind nicht per se frei von Geschlechterklischees, im Gegenteil. Dies ergab unter anderem die Forschung von Erziehungswissenschaftlerin Dr. Gisa Stich. Sie untersuchte im Rahmen ihrer Dissertation Schulbücher für die Fächer „Arbeit, Wirtschaft, Technik“ und „Wirtschaft und Beruf“ in Bayern und stellte fest, dass viele Lehrmaterialien geschlechtsspezifische Zuschreibungen eher verstärken als aufbrechen. Männer und Frauen wurden mit vermeintlich natürlichen geschlechtsspezifischen Interessen und Fähigkeiten dargestellt und quasi automatisch bestimmten Berufsfeldern zugeordnet. Lehrerinnen und Lehrer sollten sich dieser Klischees bewusstwerden und ihren Unterricht anpassen. 

Lehrkräfte verfügen also über eine ganze Reihe von Ansatzpunkten für eine geschlechtergerechte Berufsorientierung. Diese zu nutzen, lohnt sich. 

 

Angebote für Lehrkräfte

Die Initiative Klischeefrei bietet vielfach erprobte Praxismaterialien für eine klischeefreie Unterrichtsgestaltung an, darunter Methodensets, Bücher und Quiz. 

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