02.04.2026 | Gastbeitrag von Amelie Bernshausen | Referentin für Grundsatzfragen im Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft e. V.
Geschlechtergerechtes Arbeiten am Übergang Schule – Beruf
Wie genderreflexive Anamnese Potenziale sichtbar macht
Geschlechterstereotype bestimmen frühzeitig und oft unbemerkt die beruflichen Wege junger Menschen. Der Fachbeitrag von Amelie Bernshausen, Referentin für Grundsatzfragen, Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft e. V., beschreibt die Herausforderung, das Potenzial junger Menschen unabhängig von u.a. ihrem Geschlecht zu erschließen. Wie könnte ein Vorgehensmodell zur genderreflexiven Arbeit am Übergang Schule-Beruf aussehen?
Sarah interessiert sich für Technik, bewirbt sich aber für eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Ahmed arbeitet gern mit Menschen, entscheidet sich jedoch für die Arbeit in einer Kfz-Werkstatt. Beide Jugendlichen folgen damit einem Muster, das Fachkräfte am Übergang Schule-Beruf täglich beobachten: Geschlechterstereotype bestimmen frühzeitig und oft unbemerkt die beruflichen Wege junger Menschen. Sie entscheiden darüber, welche Tätigkeiten überhaupt in Betracht gezogen werden, welche Kompetenzen sichtbar werden und welche Chancen sich daraus ergeben.
Individuelle Förderung jenseits von Stereotypen
Für Jugendliche am Übergang Schule-Beruf bedeutet das häufig: verengte Perspektiven, verlorene Potenziale und geringere Chancen auf gelingende Übergänge. Geschlechtergerechtes Arbeiten ist deshalb keine optionale Ergänzung pädagogischer Arbeit, sondern eine systemische Aufgabe. Entscheidend ist die konkrete Verankerung in den Strukturen und Prozessen der verschiedenen Angebote im Übergang Schule-Beruf.
Die zentrale Herausforderung besteht darin, das Potenzial junger Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Bildungsbiografie oder ihrem Geschlecht zu erschließen. Das erfordert eine Orientierung an ihren tatsächlichen Fähigkeiten, Interessen und individuellen Lebenslagen. Vom ersten Kennenlernen, der Berufsorientierung bis zum Ausbildungsstart gilt es, individuelle und strukturelle Benachteiligungen sichtbar zu machen und passende Antworten im Rahmen der Förderung zu entwickeln.
Genderreflexive Anamnese als Kerninstrument
In den Projekten am Übergang Schule-Beruf ist die gemeinsame individuelle Förderplanung das Fundament der Zusammenarbeit mit den Jugendlichen. Die Erhebung persönlicher Voraussetzungen, privater Rahmenbedingungen und verborgener Interessen ermöglicht die Entwicklung passgenauer Bildungswege. Dabei kommt es darauf an, dass Kennenlerngespräche, Kompetenzfeststellungsverfahren und praktische Erprobungen verbreitete Rollenbilder bewusst aufbrechen.
Eine genderreflexive Anamnese lenkt den Blick weg von Berufslabels hin zu konkreten Tätigkeiten und benennbaren Fähigkeiten. Statt zu fragen „Welchen Beruf möchtest du erlernen?“, wird erfragt: „Was machst du gern? Welche Tätigkeiten liegen dir?“. Die Bereitschaft, vermeintlich untypische Berufsfelder auszuprobieren, wird dabei ausdrücklich thematisiert.
Auf dieser Basis werden gezielte Erfahrungsräume entwickelt – ein abgestimmtes Bündel aus informationsbasierten Formaten, handlungsnahen Lernsettings und praktischen Erprobungen. Dieser Prozess folgt einer klaren Arbeitsschleife: