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„Zugangswege zu Handwerk und Technik ebnen“

Handwerkerinnenhaus Köln, Außenansicht
© Handwerkerinnenhaus Köln e.V.

Die Handlungs- und Entscheidungskompetenz junger Frauen stärken und ihnen neue Berufsperspektiven eröffnen. Das ist das Ziel des Handwerkerinnenhauses Köln. Im Interview erklärt Petra Supplie, warum sich der Verein der Bundesinitiative Klischeefrei angeschlossen hat.

Frau Supplie, können Sie das Handwerkerinnenhaus Köln vorstellen?

Seit 1989 setzt sich das Handwerkerinnenhaus Köln e.V. mit unterschiedlichen Projekten für die Förderung von Mädchen und Frauen im handwerklich-technischen Bereich ein. Das zentrale Handlungsfeld des Handwerkerinnenhauses ist die Werkstatt.

Wir bieten Frauen und Mädchen in unseren drei voll ausgestatteten Werkstätten den Raum und die Möglichkeiten, unter Anleitung von Handwerkerinnen handwerkliches Arbeiten auszuprobieren. Schülerinnen können an den Angeboten im Bereich „Mädchenprojekt Zukunft“ und „Holly Wood“ teilnehmen, Frauen einen Kurs im Frauenkursprogramm buchen.

In „Holly Wood – Berufsorientierung für Mädchen in Handwerk und Technik“ bieten wir ein breit gefächertes Angebot in Praxis und Theorie für Schülerinnen aller Schulformen ab der 5. Klasse. Vom Schnupper- und Fortgeschrittenenkurs sowie Projektwochen zur Renovierung eines Schulraums über Berufsinformationsveranstaltungen, in denen wir über Handwerksberufe informieren, bis hin zur Beratung und Vermittlung in Praktikums- und Ausbildungsplatz werden die Mädchen in ihrer Berufsfindung wirksam unterstützt. In Ferienkursen können Mädchen beim Bau zum Beispiel eines Strandstuhls, Longboards oder beim Schweißen eines Kunstwerks aus Schrott spielerisch handwerkliches Arbeiten ausprobieren. Für MultiplikatorInnen bieten wir Fortbildungen an.

Der schulbegleitende Baustein „Prävention von Schulverweigerung - Pfiffigunde“ ist ein Angebot für Schülerinnen ab Klasse 5 mit ersten Anzeichen von Schulmüdigkeit. Die Mädchen nehmen in Kleingruppen für ein Schuljahr ein Mal wöchentlich am werkpädagogischen Angebot teil. Der Erfolg bei der Arbeit in der Werkstatt und die sozialpädagogische Begleitung ermöglichen die Entwicklung von Selbstwertgefühl, Lernmotivation und Zukunftsperspektiven.

Der Baustein „Intervention bei Schulverweigerung – Kneifzange“ ist ein außerschulischer Lernort für schulverweigernde Mädchen im 8./9. Schulbesuchsjahr. Mit dem Stundenplan aus Werkstattarbeit, Unterricht und sozialpädagogischer Begleitung finden die Mädchen wieder zu einem regelmäßigen Alltag, holen Lernstoff nach, entwickeln für sich neue Perspektiven und können den Hauptschulabschluss machen.

Mit den oben genannten drei Projektbausteinen können wir die Mädchen an unterschiedlichen Punkten ihrer individuellen Lebenssituation wirkungsvoll erreichen. Darüber hinaus besteht für alle Teilnehmerinnen des Projektes die Möglichkeit, bedarfsorientiert von einem Projektbaustein in den anderen zu wechseln.

Das Gesamtprojekt kooperiert mit ca. 40 Schulen pro Jahr, jährlich werden etwa 1.100 Mädchen erreicht. In unserem handwerklich-kreativen Frauenkursprogramms bieten wir Kurse im handwerklich-kreativen Bereich, die von Fachfrauen angeleitet werden. Hier ist Freiraum für all jene Frauen, die noch nie einen Hammer in Händen gehalten haben, aber auch für Heimwerkerinnen, die von Fachfrauen Tricks und Kniffe lernen wollen. Unser Programm umfasst eine große Palette von Kursen; das Angebot reicht vom Möbelbau und Reparaturen im Haushalt oder am Fahrrad über Renovierungsarbeiten in der Wohnung bis hin zum Schweißen von Skulpturen. Für die meisten Kurse sind keine Vorkenntnisse erforderlich. Alle Kursangebote finden unter Anleitung von Fachfrauen in kleinen Gruppen (bis zu 10 Teilnehmerinnen) in den Werkstätten des Handwerkerinnenhauses in Köln statt.

Was hat Sie motiviert, sich bei den Nationalen Kooperationen zu engagieren?

  • Das deutlich eingeschränkte, geschlechtsstereotype Berufswahlspektrum von Mädchen: über 75 Prozent aller weiblichen Ausbildungsanfängerinnen wählen aus maximal 25 Berufen
  • Die häufig unterdurchschnittliche Ausbildungsvergütung und Gehalt in den typischen „Frauenberufen“, geringe Aufstiegschancen
  • Der geringe Frauenanteil in handwerklich-technischen, (noch) männerdominierten Berufsfeldern (weibliche Auszubildende im Handwerk 2013: ca. 21,5 Prozent)
  • Mangel an geeigneten, qualifizierten Nachwuchskräften im Handwerk
  • Hohe Abbruchquote in der dualen Ausbildung
  • Bei Misslingen des Einstiegs in Ausbildung und bei fehlendem Ausbildungsabschluss ist die Integration in das Beschäftigungssystem gefährdet, die Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe werden kleiner
  • Es gibt kaum mädchenspezifische/geschlechtersensible, handwerklich-technische Angebote zur Berufsorientierung in ganz Deutschland

Auf welche Weise setzt sich das Handwerkerinnenhaus für eine geschlechtersensible Berufs- und Studienorientierung ein?

Wir ebnen Zugangswege zu Handwerk und Technik. Auch in Zeiten von Gender Mainstreaming ist geschlechtsspezifische Arbeit unabdingbar. Wir arbeiten ausschließlich mit Mädchen und Frauen, um deren Handlungs- und Entscheidungskompetenz zu stärken und ihnen neue Berufsperspektiven zu eröffnen. Die mädchenspezifische Förderung trägt dazu bei, soziale und gesellschaftliche Benachteiligungen auszugleichen und die Mädchen und jungen Frauen bei der Entwicklung ihrer persönlichen Lebens- und Berufsperspektive zu unterstützen. Benachteiligungen gegenüber männlichen Jugendlichen im handwerklich/technischen Ausbildungsbereich werden abgebaut und, in der Auseinandersetzung mit neuen Berufsfeldern, das Berufswahlspektrum der Mädchen um den Bereich der handwerklich-technischen Berufe erweitert.

Welche Erfolge in der Förderung von Mädchen in handwerklichen Berufen haben Sie bisher erreicht?

Der überwiegende Teil aller Mädchen, die unseren Angebote teilgenommen haben, gibt in Fragebögen an, dass sie handwerklich-technische Berufe als „für Frauen geeignet“ ansehen und sich viele vorstellen können, ein Praktikum oder eine Berufsausbildung in diesen Berufsfeldern zu machen. Die geschlechterspezifische Zuordnung von handwerklich-technischen Berufen wird verändert und das Berufswahlspektrum der Teilnehmerinnen erweitert.

In „Holly Wood“ werden die Schülerinnen durch das breitgefächerte Angebot in ihrer Berufsfindung jenseits von Geschlechtsstereotypen wirksam unterstützt und ihnen so bessere Startchancen in Ausbildung und Beruf ermöglicht. Sie erlernen den Gebrauch von Werkzeugen und Maschinen und erhalten Beratung und Hilfe bei der Suche nach einem Praktikums- oder Ausbildungsplatz im handwerklich-technischen Bereich.

Auch in der Prävention von Schulverweigerung erzielen wir gute Erfolge. Über das praktische Arbeiten in der Werkstatt werden die Mädchen in ihrer persönlichen Entwicklung und Lernmotivation gestärkt und in einer bewussten Lebens- und Berufsplanung jenseits von Geschlechterstereotypen unterstützt.

In ihrer Schule wirkt sich das regelmäßige Arbeiten in der Werkstatt positiv auf Konzentrations- und Teamfähigkeit aus, das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten sind spürbar gestärkt. Dies wird uns durch positives Feed-Back von schulischer Seite immer wieder gespiegelt.

Auch im Projektbaustein Intervention bei Schulverweigerung haben wir hohe Erfolgsquoten. Die tägliche Kombination von Unterricht, Werkstattarbeit und sozialpädagogischer Begleitung bewirkt, dass schulverweigernde Mädchen wieder zu einem regelmäßigen Alltag finden, Lernmotivation aufbauen, Lernstoff nachholen, ihre Sozialkompetenzen erweitern und den Hauptschulabschluss erreichen.