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Berufswahl mit Perspektive

Rückblick auf die 2. Klischeefrei-Fachtagung 2019

Podiumsteilnehmende, Publikum und Moderatorin, im Hintergrund Programmpunkte auf einer Leinwand
Gute Beiträge und spannende Diskussionen bei der 2. Fachtagung der Initiative Klischeefrei© BMFSFJ | Phil Dera

Geschlechterklischees prägen uns von klein auf und beeinflussen nach wie vor die Berufs- und Studienwahl. Wie kann eine Berufswahl frei von Klischees verwirklicht werden? Welche Stellschrauben gilt es dafür zu drehen? Darüber diskutierten Expertinnen und Experten am 21. Mai 2019 in Berlin.

Bei der 2. Fachtagung der Initiative Klischeefrei kamen rund 300 Aktive im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin zusammen. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Dr. Eric Schweitzer, und Bundesfamilienministerin Dr. Franziska Giffey eröffneten die Veranstaltung.

Dr. Eric Schweitzer regte in seiner Begrüßungsansprache eine schon frühe berufliche Orientierung ohne Rollenklischees an. Man könne nicht früh genug damit beginnen, Klischees aufzubrechen. Ziel der Industrie- und Handelskammern sei es, angesichts des in einigen Berufen schon jetzt starken Mangels, Fachkräfte zu gewinnen und zu halten, unabhängig vom Geschlecht. Dafür seien neben der frühen Bildung auch frühe Berührungspunkte mit dem Arbeitsleben notwendig, zum Beispiel in Form von Praktika oder beim Girls'Day und Boys'Day.

„Wir können nicht früh genug damit beginnen, sprachlich verfestigte Berufsmuster wie „der KFZ-Mechatroniker“ oder „die Floristin“ aufzubrechen.“ (Dr. Eric Schweitzer)

Bundesjugendministerin Dr. Franziska Giffey hob in ihrem Grußwort hervor, dass Jugendliche beruflich das tun sollten, was ihnen Spaß macht. Denn nur darin würden sie wirklich gut werden. Es bräuchte mehr Vorbilder in der Öffentlichkeit und in den Medien: „Wann kommt die erste Traumschiff-Kapitänin?“ Weiblich konnotierte Berufe müssten zudem besser bezahlt werden. Dies würde sie für Männer attraktiver machen, wie die vergütete Erzieherausbildung in Baden-Württemberg gezeigt habe. Erfreulicherweise absolvierten dennoch immer mehr Männer eine Ausbildung oder ein Studium in einem sozialen Beruf.

Nicht nur junge Menschen, auch die Unternehmen profitierten von einer klischeefreien Berufswahl. Während Jugendliche eine größere Auswahl an beruflichen Möglichkeiten erhielten, stünde den Unternehmen eine größere Anzahl geeigneter Nachwuchskräfte zur Verfügung.

„Es reicht nicht, nur junge Frauen für bestimmte Berufe zu begeistern. Wir müssen auch die Arbeitgeber in die Verantwortung nehmen.“ (Dr. Franziska Giffey)

Was bedeutet eine Berufswahl mit Perspektive? 

Ein Beruf soll Spaß machen und Erfüllung bringen, so der einhellige Tenor der Akteurinnen und Akteure – und das ganz unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit. Selbstverständlich soll eine Berufstätigkeit eine eigenständige Existenzsicherung ermöglichen, aber der Verdienst ist mittlerweile nicht alleiniges Kriterium. „Beruf kommt von Berufung“, brachte es eine Teilnehmerin auf den Punkt. Die Berufswahl ist damit eine richtungsweisende und die weitere Lebensplanung prägende Entscheidung.

Keynote: „Klischeefreie Berufswahl – warum es sich lohnt“, Prof. Barbara Schwarze

Prof. Barbara Schwarze am Rednerpult.
Fundierte Expertise: Prof. Barbara Schwarze© BMFSFJ | Phil Dera

Prof. Barbara Schwarze, Vorsitzende des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V., lieferte mit ihrer Keynote „Klischeefreie Berufswahl – warum es sich lohnt“ eine fundierte Diskussionsgrundlage für den weiteren Austausch unter den Tagungsteilnehmenden.

Die geschlechtsbezogene Aufteilung, die heute bei den MINT- und SAGE-Berufen* vorherrscht, habe ihren Ursprung in der geschlechtergetrennten Ausbildung in „männlichen“ technischen und „weiblichen“ sozialen Berufen. Die Ausbildungswege professionalisierten sich ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Die daraus erwachsene fachliche Identität und fachkulturelle Prägung der Berufe wirke bis heute fort.

Untersuchungen zeigten jedoch: Frauen in „Männerberufen“ und Männer in „Frauenberufen“ werden in den Unternehmen als Bereicherung empfunden. In gemischten Teams sei die Produktivität und Arbeitszufriedenheit höher. Gleichzeitig sehen sich Männer und Frauen geschlechtsbezogenen Vorurteilen ausgesetzt, die sich nachteilig auswirkten.

Ausgehend von diesen Betrachtungen bot Prof. Schwarze einen Überblick über Maßnahmen wie den Girls'Day und Boys'Day oder das Projekt „Komm mit mach MINT“ und ihre Erfolge und unterfütterte ihre Ausführungen mit Zahlen und Fakten aus verschiedenen Studien.

Den Vortrag finden Sie hier zum Download.

*MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschft, Technik; SAGE = Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege, Erziehung und Bildung

Podiumsdiskussion: „Berufswahl und Berufsleben – Stellschrauben und ihre Konsequenzen im Lebensverlauf“

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Diskussionsrunde sitzen auf der Bühne
Angeregte Diskussion über ein breites Themenfeld© BMFSFJ | Phil Dera

Was braucht es, um die Berufswahl klischeefrei zu gestalten? Darüber diskutierten (im Bild v.l.n.r.) Frauke Gützkow, Mitglied im Hauptvorstand Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Caroline Dinsel, verantwortlich für das Diversity Management der Deutschen Rentenversicherung Bund, Alexander Gunkel, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Bianca Rosenhagen, Geschäftsführung Rosenhagen Metallbau, Carsten Zimpel, Erzieher und Leiter eines Offenen Ganztags, Madita Brauer, Auszubildende zur Anlagenmechanikerin Fachrichtung Sanitär- Heizungs- und Klimatechnik und Instagrammerin mit fast 6.000 Followerinnen und Followern. Es moderierte Andrea Thilo.

Die Runde beleuchtete zahlreiche Aspekte rund um eine klischeefreie Berufs- und Studienwahl. Dabei wurde deutlich, dass es nicht die „eine“, sondern ein Bündel an Maßnahmen für mehr Klischeefreiheit gibt. Die Voraussetzungen für die Berufswahl werden im Grunde schon im Kindergarten geschaffen, wenn sich Rollenbilder verfestigen. Klischeefreiheit ist damit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die alle am Bildungsprozess Beteiligten, vor allem auch die Eltern, Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen, aber auch die Medien betrifft. Sie muss vorgelebt werden, um bisherige Rollenmuster aufzubrechen.

Als besonders wichtige „Stellschrauben“ identifizierten die Diskussionsteilnehmenden: 

  • Bildung & Fortbildung des pädagogischen Personals
  • Eltern als zentrale Figuren in Erziehung und letztlich auch im Berufs- und Studienwahlprozess
  • mehr Praxisbezug für Schülerinnen und Schüler und eine engere Vernetzung zwischen Schule und Wirtschaft
  • Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber
  • Sprache und Bildprache
  • Vorbilder

Im Bildungsbereich sollten Erziehende und Lehrende zunächst selbst Genderkompetenz erwerben und sich eigener Vorurteile bewusst werden. Sie benötigen dafür ein ausreichendes Angebot an FortbildungenEltern, die im Berufswahlprozess eine sehr entscheidende Rolle spielen, sollten sich ebenfalls ihrer Klischees bewusst werden. Die Diskutierenden waren sich jedoch einig darin, dass es nicht einfach ist, Eltern zu erreichen. Ein stärkerer Praxisbezug und eine engere Vernetzung von Schule und Wirtschaft würde Jugendlichen früh Einblicke ins Berufsleben ermöglichen und ihnen eine Vorstellung von verschiedenen Berufen geben. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber wiederum sollten neue Unternehmens- und Kommunikationskulturen entwickeln, in der mehr Eigenverantwortung und vernetztes Denken und weniger starre Hierarchien und Strukturen gelebt werden. Vor allem junge Frauen würden bei der Berufswahl auf eine spätere Vereinbarkeit von Beruf und Familie achten, aber auch für junge Männer wird dies zunehmend wichtiger. Arbeit in Teilzeit ist nur eine Möglichkeit, auf die Bedürfnisse von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einzugehen. Besser wäre es, flexibler mit der Arbeitszeit umzugehen und die Kinderbetreuungsangebote zu verbessern.

Als wesentlicher Bestandteil der gesellschaftlichen Sensibilisierung wurden Sprache und Bildsprache genannt. Eine gendersensible Sprache spricht alle Geschlechter gleichermaßen an und erleichtert es Jugendlichen, sich in Berufen vorzustellen, in denen die eigene Geschlechtergruppe unterrepräsentiert ist. Sehr wichtig sind auch Vorbilder, nicht nur im eigenen Bekanntenkreis, sondern vor allem in den Medien, die Jugendliche konsumieren.

„Ich fasse zusammen: Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Umsetzungsproblem.“ (Andrea Thilo)

Vortrag: „Dialog und Vielfalt als Basis einer klischeefreien Unternehmenskultur“, Rosa Riera, Siemens AG

Rosa Riera am Rednerpult.
Spannende Einblicke in ein Großunternehmen: Rosa Riera© BMFSFJ | Phil Dera

Im Anschluss an die Mittagspause sprach Rosa Riera, bei der Siemens AG verantwortlich für das Employer Branding, zum Thema „Dialog und Vielfalt als Basis einer klischeefreien Unternehmenskultur“.

In ihrem Vortrag schlug Rosa Riera den Bogen von der digitalen Transformation unserer Lebenswelten hin zu den Herausforderungen für Führungskräfte und Mitarbeitende in Unternehmen. Wir neigten dazu, aus unserem bisher Gelernten linear auf die Zukunft zu schließen.

„Die Entwicklung verläuft jedoch exponentiell, und manchmal auch parallel: Während wir einerseits über Flugtaxis diskutieren, haben viele ländliche Regionen kein Internet.“ (Rosa Riera)

Für Unternehmen bedeute dies: die klassischen hierarchischen Strukturen werden dieser Dynamik nicht mehr gerecht. Es seien eine größere Offenheit und flexiblere Kommunikationsstrukturen notwendig, um als Unternehmen angemessen mit den Herausforderungen des schnellen Wandels umgehen zu können. Offenere Führungsstrukturen, innerhalb derer die Führungsrolle je nach Kontext und Projekt wechseln könne, ermöglichten es Unternehmen, innovativer und schneller zu sein. Bürolandschaften statt Einzelbüros förderten diese Form der Zusammenarbeit. Flexibilität sollte sich auch auf die Arbeitszeitmodelle beziehen. Auch sie sollten vielfältiger werden, um besser auf individuelle Bedürfnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Lebenslauf einzugehen.Teilzeit sei nur ein Element unter mehreren.

Die Siemens AG lege Wert darauf, die Vielfalt der Kulturen und Lebensentwürfe innerhalb des Konzerns sichtbar zu machen und als Selbstverständlichkeit in die Unternehmenskultur einzubeziehen.

World Café

Beschriebene Tischdecke mit Filzstiften darauf
Kreative Atmosphäre beim World Café© BMFSFJ | Phil Dera

Beim World Café trafen sich die Teilnehmenden in 16 Gruppen, um über insgesamt sieben Themen rund um klischeefreie Berufswahl zu diskutieren. Schirmherrin Elke Büdenbender und Juliane Seifert, Staatssekretärin im Bundesjugendministerium, nahmen als Gastgeberinnen an zwei Tischen teil. Die Thementische orientierten sich an den Zielgruppen der Initiative Klischeefrei: Einrichtungen der Frühen Bildung, Schulen, Hochschulen, Unternehmen, Berufsberatung und Eltern. An Elke Büdenbenders Tisch diskutierten die Teilnehmenden über eine „Zukunftsversion Klischeefrei“.  Juliane Seifert übernahm das Thema „Frühe Bildung“. Die Ergebnisse der Gruppendiskussion finden sich im Download-Dokument.

Klischeefrei-Markt

Ein Mann und eine Frau im Gespräch an einem Infostand.
Bunt und vielfältig: Der Klischeefrei-Markt® BMFSFJ | Phil Dera

Der Klischeefrei-Markt begleitete die Fachtagung. Partnerinnen und Partner der Initiative stellten sich und ihre Arbeit vor und informierten über ihr jeweiliges Engagement im weiten Feld der klischeefreien Berufsorientierung. Die Ausstellerinnen und Aussteller kamen aus ganz unterschiedlichen Bereichen: Vertreten war beispielsweise das Werner-von-Siemens-Gymnasium aus Berlin, aber auch das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme oder die Bundesagentur für Arbeit. Ergänzt wurde der Klischeefrei-Markt von den Girls'Day- und Boys'Day-Wanderausstellungen „NEUES AUSPROBIEREN!“ und „FÜR DEINE TALENTE!“.