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„Klischeefreie Berufs- und Studienwahl – warum sie sich lohnt.“

Interview mit Elke Büdenbender, Schirmherrin der Initiative Klischeefrei

Elke Büdenbender, Schirmherrin der Initiative Klischeefrei
© Steffen Kugler/Bundesregierung

„Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der jede und jeder alles machen kann. Wir können es uns nicht leisten, auf auch nur ein einziges Talent zu verzichten“, sagt Elke Büdenbender, Schirmherrin der Initiative Klischeefrei im Interview.

Frau Büdenbender, warum lohnt es sich aus Ihrer Sicht für junge Menschen, sich bei der Berufs- oder Studienwahl von Geschlechterrollen zu lösen?

Viele Jugendliche und junge Erwachsene lassen sich bei ihrer Berufswahl immer noch von Geschlechterklischees leiten. Damit schränken sie ihre Möglichkeiten schon beim Start ins Berufsleben stark ein und nehmen sich selbst die Chance, ihre Talente zu entdecken und auch bei der Berufswahl zu verfolgen.

Es gibt über 300 Ausbildungsberufe und mehrere Hundert Studienfächer! Da kann gerade ein junger Mensch schnell die Übersicht verlieren und mit der wichtigen Lebensentscheidung der Berufswahl überfordert sein. Ausbildung oder Studium? Welcher Fachbereich? Womit kann man sich ein gutes Auskommen und Leben aufbauen? Deshalb ist es wichtig, dass sich junge Menschen an ihren Talenten und Fähigkeiten orientieren. Und noch viel wichtiger ist es, dass unsere Gesellschaft sie dabei unterstützt! Auf diese Weise wird es dann vielleicht endlich ganz selbstverständlich, dass Jungen eine Begeisterung für Bereiche wie Pflege und Erziehung und Mädchen für handwerklich-technische Berufe entdecken. Eine solche Gesellschaft, in der jede und jeder alles machen kann, wünsche ich mir. Denn wir können es uns nicht leisten, auf auch nur ein einziges Talent zu verzichten!

Viele Menschen sind der Meinung, dass Mädchen und Jungen in Deutschland bereits alle Berufe offenstehen und Anstrengungen zum Abbau von Rollenklischees unnötig seien. Wie stehen Sie dazu?

Rechtlich sind Männer und Frauen in der Bundesrepublik schon lange gleichgestellt. Frauen sind heute genauso gut ausgebildet wie Männer und verfügen vielfach sogar über höhere Bildungsabschlüsse. Theoretisch stehen ihnen also genauso wie den jungen Männern alle beruflichen Wege offen. Doch in der Praxis sieht das leider häufig anders aus. Hier wirken Rollenklischees weiter. Das zeigt sich zum Bespiel bei den Ausbildungsberufen. Manche werden überwiegend von jungen Frauen und manche überwiegend von jungen Männern gewählt. So ist seit Jahren der Kfz-Mechatroniker der beliebteste Ausbildungsberuf bei den Männern. Junge Frauen dagegen werden häufig Medizinische oder Zahnmedizinische Fachangestellte. Darin spiegeln sich klischeehafte Vorstellungen und kulturell fest verankerten Geschlechterklischees wider, wofür Frauen und Männer vermeintlich besser geeignet sind. Das sich immer noch hartnäckig haltende Klischee „Mädchen können kein Mathe“ stimmt aber einfach nicht. Und wir Frauen sollten den Bereich der Naturwissenschaften sowie insbesondere den der Digitalisierung nicht den Männern überlassen!

Welche Rolle spielen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber für eine klischeefreie Berufs- und Studienwahl?

Viele Unternehmen sind sehr engagiert in der Ausbildung und sprechen bereits bewusst alle Geschlechter an, wenn sie Azubis oder neue Beschäftigte suchen. Manche setzen dabei auch auf Vorbilder unter den eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, um z. B. junge Frauen für einen technischen Beruf zu gewinnen.

Ich glaube, dass junge Menschen im Berufsleben vor allem die Perspektive brauchen, sich entfalten und entwickeln zu können, man sich eine Zukunft aufbauen kann und die Freizeit, sowie später auch das Familienleben, nicht zu kurz kommen. Das gilt übrigens für junge Männer genauso wie für junge Frauen. Letztlich profitieren alle von mehr Klischeefreiheit: die Menschen, die besser und engagierter in ihrem Beruf sind, genauso wie die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, die mit zufriedenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erfolgreicher sein können.

Es gibt viele Initiativen wie den Girls’Day oder den Boys’Day, MINT-Förderprogramme für Mädchen oder Programme, die Jungen für soziale Berufe zu begeistern versuchen. Warum braucht es Ihrer Meinung nach überhaupt noch eine Initiative Klischeefrei?

Geschlechterrollen sind noch tief in unserem Denken verankert. Es bedarf eines gesamtgesellschaftlichen Prozesses des Umdenkens – auf der Seite der Männer übrigens genauso, wie auf der Seite von uns Frauen, denn es geht nur gemeinsam. Unsere Gesellschaft muss sich auf allen Ebenen engagieren: von Einrichtungen der Frühen Bildung über Schulen, Universitäten und Berufsberatungen bis hin zu den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern, damit junge Menschen den Beruf wählen können, der wirklich zu ihnen passt – frei von Geschlechterklischees.

Ganz wichtig sind auch die Eltern. Sie sind nicht nur Vorbilder für ihre Kinder, sondern haben auch großen Einfluss auf deren Berufs- und Studienwahl. Wir sollten Kindern und Jugendlichen diese klischeefreie Haltung vorleben. Das ist für den einzelnen Menschen, aber auch für gesellschaftliche- und wirtschaftliche Entwicklungen von enormer Bedeutung.

Dafür müssen wir Aktive aus allen gesellschaftlichen Bereichen mit ins Boot holen. Es freut mich, dass wir hier auf einem guten Weg sind. Mittlerweile hat die Initiative Klischeefrei schon mehr als 230 Partnerorganisationen! Darunter finden sich Kindertagesstätten, Schulen, Universitäten, Forschungseinrichtungen, Verbände und Unternehmen. Wir brauchen bei der Berufs- und Studienwahl einen Wandel, damit junge Menschen wirklich frei sind in ihrer Berufswahl.