BP:
 

18.02.2026

Klischeefreie Kitas: Mit Haltung, Reflexion und Konsequenz ans Ziel

Die KITA Dialog gGmbH

Im Kita-Alter festigen sich Geschlechterklischees in den Köpfen der Kinder, einfach, weil Erwachsene sie vorleben. Die KITA Dialog gGmbH, Trägerin von sieben Kitas in Berlin, nimmt ihren Bildungsauftrag ernst und will zugunsten der Kinder klischeefrei werden – mit Hilfe der jährlichen Evaluation.

Klischeefreie Kitas: Mit Haltung, Reflexion und Konsequenz ans Ziel

Die KITA Dialog gGmbH setzte schon von Anfang an auf eine vorurteilsfreie Pädagogik und ist seit 2024 Partnerorganisation der Initiative Klischeefrei. 2025 nutzte sie die in Berlin vorgeschriebene jährliche interne Evaluation nach dem „Berliner Bildungsprogramm für Kitas und Kindertagespflege“, um sich in den unterschiedlichen Handlungsfeldern des Programms zu hinterfragen: Sind wir wirklich so klischeefrei, wie wir glauben?

„Geschlechtersensibel zu arbeiten ist Teil unseres Bildungsauftrags. Wir wollten aber wissen, wo wir tatsächlich stehen und was wir noch besser machen können“, sagt Kathleen Glawe. Sie ist nicht nur ausgebildete Evaluatorin und Qualitätsbeauftragte des Trägers, sie leitet auch die Kita „Haus am Wald“ und kennt damit die Praxis genauso wie das Qualitätsmanagement.

„Wir haben mit dem Dienstleister KiQu ein Paket entwickelt, dass einen Fokus auf Klischeefreiheit setzt und gleichzeitig einen Querschnitt der vom Land Berlin geforderten Kriterien abbildet“, erläutert Glawe. „So konnten wir uns auf die Klischeefreiheit konzentrieren, ohne die anderen Qualitätsfaktoren außer Acht zu lassen.“

inhalt_Contentseite-MediaZoomBild 112362

Sensibilisierung und Begriffsklärung im Team als Basis

Die Evaluation fand im Rahmen eines pädagogischen Tags statt, der inhaltlich zweigeteilt war. Der Vormittag wurde als Teamentwicklungs-Fortbildung genutzt, während der Nachmittag ganz im Zeichen der Evaluation stand.

Im pädagogischen Alltag gehören Begriffe wie „geschlechterbewusste Pädagogik“ oder „vorurteilsbewusste Lernumgebung“ dazu. Aber haben auch alle im Team ein gemeinsames Verständnis davon, was sich dahinter verbirgt? Mit welcher Haltung gehen die Einzelnen an ihre Arbeit heran?

Die Teamentwicklung setzte auf bildungsbiographische Arbeit: „Wir haben eine große Altersspanne im Team“, berichtet Kathleen Glawe. „Dazu kommt, dass viele in der DDR aufgewachsen sind, andere kommen aus dem Westen, einige haben einen Migrationshintergrund. Wir haben also gefragt: Wo komme ich hier? Wie bin ich aufgewachsen? Was waren meine Idole in meiner Kindheit?“ erzählt Glawe „Das war ganz spannend, allgemein mit Blick auf das Verständnis von unserer Arbeit, aber auch mit Blick auf Stereotype und Vorurteile. Man versteht sich selbst und die anderen besser, warum man in bestimmten Situationen auf bestimmte Weise handelt.“

Auf dieser Basis bearbeitete das Team am Nachmittag 15 Qualitätskriterien. Unter dem Titel „Klischeefrei und Vorurteilsbewusstsein“ hinterfragte die Evaluation, inwiefern Kinder in den einzelnen Einrichtungen freie Entfaltungsmöglichkeiten ohne Geschlechterstereotype erhalten, ob die Erzieherinnen und Erzieher offen und möglichst vorurteilsfrei auf jedes Kind blicken und Potenziale der Kinder erkennen und fördern.

Die Evaluation hat ergeben, dass wir als Träger in den Bereichen „Team“, „Haltung“ und „Lernumgebung“ sehr gut sind.

Kathleen Glawe, Kita-Leiterin, Evaluatorin und Qualitätsbeauftragte KITA Dialog gGmbH

Mut zum Wachsen und Verbessern

„Die Evaluation hat ergeben, dass wir als Träger in den Bereichen „Team“, „Haltung“ und „Lernumgebung“ sehr gut sind“, freut sich Kathleen Glawe. „Unsere Fachkräfte gehen offen auf die Kinder zu, wir haben ein gutes Klima, sind bereit für Reflexion, das hat der Fortbildungsvormittag auch noch mal gezeigt“, erzählt sie. „Unsere Räume sind in neutralen Farben gehalten, die Zugänge zu den Bereichen sind offen und niedrigschwellig. Es gibt zum Beispiel keine rosa Puppenecke, sondern alle sind durch die Gestaltung der Räume und Angebote eingeladen, alles zu machen. Bei den Büchern achten wir darauf, dass sie keine Geschlechterklischees darstellen“, sagt Glawe.

Bei der kulturellen Vielfalt ergab die Evaluation Entwicklungsspotenzial. „Hier liegt auf jeden Fall ein weiterer Schwerpunkt in unserer Arbeit. Die Familien noch besser kennenzulernen und sie zu verstehen, das ist unser Auftrag.“

Das Team entwickelte Maßnahmen, um noch mehr in die Familien hineinspüren zu können. „Zu den ersten Maßnahmen gehörte ein interkultureller Wandkalender, den es jetzt in jeder Einrichtung gibt. Jetzt wissen wir zum Beispiel, welche Feste es gibt und können darauf eingehen.“ Das muslimische Zuckerfest und das vietnamesische Neujahrsfest wurden 2025 schon aufgegriffen. „Wir fragen bei Aufnahmegesprächen nach dem kulturellen Hintergrund der Familien. Unsere Erfahrung ist, dass die Menschen sich freuen, wenn man wirklich Interesse an ihrer Kultur hat.“, berichtet die Einrichtungsleiterin.

Sehr erfolgreich war auch ein interkulturelles Buffet: Eltern haben Essensbeiträge aus ihren Heimatländern mitgebracht und sind über das gemeinsame Essen ins Gespräch gekommen. „Eine kleine Maßnahme mit großer Wirkung“, betont Kathleen Glawe.

Die Familien noch besser kennenzulernen und sie zu verstehen, das ist unser Auftrag.

Kathleen Glawe

Elternarbeit als Herausforderung

Die Eltern sind längst nicht alle so reflektiert in Bezug auf Geschlechterstereotype wie ihre Kita, das stellt Glawe in ihrem Alltag fest. Manche Eltern, aber vor allem auch Großeltern, finden es beispielsweise nicht gut, wenn Jungen mit Puppen spielen oder weinen. Auf diese Themen geht das Team in Elterngesprächen ein und wirbt für Offenheit: Auch Jungen können und dürfen fürsorglich sein, auch Jungen sind mal traurig.

Erschwert wird die Elternarbeit dadurch, dass die Bevölkerungsstruktur je nach Einzugsgebiet der einzelnen Kita sehr verschieden ist. Es gibt innerhalb der KITA Dialog gGmbH-Einrichtungen viele verschiedene Lebenswelten der Familien. „Viele Eltern gehen mit unserem geschlechtersensiblen Ansatz mit, andere aber nicht“, berichtet Kathleen Glawe. „Das hat zum Teil kulturelle Gründe. Eltern aus patriarchalen Herkunftsländern sind oft kritischer.“ Die soziale Schicht sei jedoch entscheidender als das Herkunftsland, so die Erfahrung.

Und die Männer im Team?

Wie geht es eigentlich den Männern im Team? Zehn bis 15 Prozent der Erzieherinnen und Erzieher sind Männer. „Die Grundhaltung ist gut“, sagt Kathleen Glawe, „Trotzdem erleben unsere männlichen Kollegen klassische Klischees. Die Männer selbst sind sehr reflektiert und sind sich der Stereotype bewusst, wahrscheinlich, weil sie sich für diesen Beruf entschieden haben und sich schon rechtfertigen mussten“, glaubt Glawe. Von Eltern gibt es gerade im U3-Bereich manchmal Vorbehalte dagegen, dass ein Erzieher die Kinder wickelt. „Da gehen wir dann ins Gespräch mit den Eltern, da ist dann Aufklärung notwendig.“

Die KITA Dialog gGmbH wird diesen eingeschlagenen Weg auf jeden Fall weitergehen, mit dem Team und mit den Eltern.