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27.07.2026

„Schulen dürfen wir mit dieser Aufgabe nicht allein lassen“

Wie lässt sich klischeefreie Berufsorientierung fest in der Lehrkräftebildung verankern? Im Interview mit Professorin Dr. Katja Driesel-Lange geht es um ein gemeinsames Werkstattseminar, die Rolle von Lehrkräften und die Frage, warum Schulen diese Aufgabe nicht allein bewältigen können.

„Schulen dürfen wir mit dieser Aufgabe nicht allein lassen“
Professorin Dr. Katja Driesel-Lange, Universität Münster, Institut für Erziehungswissenschaft

Was hat Sie ursprünglich dazu bewegt, sich wissenschaftlich mit Berufsorientierung zu beschäftigen – und welche Rolle spielt das Thema Klischeefreiheit dabei für Sie persönlich und fachlich?

Ich habe vor 25 Jahren in einem Projekt des Gleichstellungsbüros an der TU Ilmenau begonnen, mich mit Fragen der geschlechtssensiblen Studienorientierung und insbesondere mit der Frage der Förderung von Frauen in MINT-Studiengängen zu beschäftigen. Nach zwei Jahren der pädagogischen Arbeit mit Schülerinnen, Lehrpersonen und Eltern sowie Lehrenden an Hochschulen habe ich mir die Frage der Wirksamkeit von Interventionen zur Erweiterung des Studien- und Berufswahlspektrums gestellt. Dieser konnte ich dann an der Universität Erfurt nachgehen. Ich habe hier mein Herzensthema gefunden, fachlich und persönlich.

Die Förderung beruflicher Entwicklung bedarf einer theoretisch fundierten, kontinuierlichen und individualisierten Begleitung. Dabei spielt der Aspekt der Klischeefreiheit eine herausragende Rolle, da nichts die Berufswahl so sehr prägt wie die Faktoren Geschlecht und Herkunft. Die Unterstützung im Übergang von der Schule in nachschulische Bildungswege erfordert neben einer verlässlichen Konzeption die Kooperation und Kollaboration verschiedener relevanter Akteur*innen, um nicht nur neue Perspektiven und Erfahrungsräume, sondern auch von Dialog flankierte Reflexionsgelegenheiten zu bieten.

Warum ist die Lehrkräftebildung aus Ihrer Sicht ein zentraler Hebel, um klischeefreie Berufsorientierung langfristig in Schule zu verankern?

Berufliche Orientierung ist aus meiner Sicht eine zentrale Bildungsaufgabe. Die Schule hat den Auftrag, junge Menschen in ihrer beruflichen Entwicklung so zu begleiten, dass sie später ihre Laufbahn eigenverantwortlich gestalten und aktiv an der Gesellschaft partizipieren können.

Die Umsetzung der Beruflichen Orientierung ist in allen Landesprogrammen fest verankert. Häufig ist hier auch ein Fokus auf geschlechtssensible Berufliche Orientierung gesetzt. Damit die Programme so umgesetzt werden, dass sie als individuelle und klischeefreie Begleitung ihre Wirksamkeit entfalten können, braucht es qualifizierte Personen in der Schule. Ausgehend von der empirisch belegten besonderen Rolle von Lehrpersonen im Kontext der Beruflichen Orientierung ist daher ein Qualifizierungsangebot in allen Phasen der Lehrkräftebildung erforderlich.

An der Universität Münster spiegelt sich dies unter anderem im Curriculum des Lehramtsstudiengangs für Haupt-, Real- Sekundar- und Gesamtschulen (HRSG) wieder. Künftige Lehrpersonen setzen sich im Rahmen der Bildungswissenschaften mit dem Gegenstandsbereich auseinander. Wichtig ist es zudem, auch die Verbindungslinien zu den Fächern zu ziehen, damit Berufliche Orientierung perspektivisch Aufgabe der ganzen Schule werden kann. So gelingt es, dass sich künftige Lehrpersonen wissenschaftlich begründet und reflexiv gerahmt mit der Aufgabe der Beruflichen Orientierung explizit so auseinandergesetzt sowie Wissen und Können erworben haben, dass die damit verbunden Aufgaben in Schule und Unterricht dauerhaft verankert werden können.

Mit welcher Idee sind Sie in das Werkstattseminar mit der Initiative Klischeefrei gestartet – und was machte das Format aus Ihrer Sicht besonders wirksam?

Ich bin überzeugt, dass die Umsetzung klischeefreier Beruflicher Orientierung gelingt, wenn wir Menschen für diese Bildungsaufgabe begeistern und deren Sinnhaftigkeit für professionelles Lehrpersonenhandeln zeigen können und wenn diese Aufgabe nicht als zusätzliche Belastung, als ein weiteres „Add-on" empfunden wird.

Klischeefreie Berufliche Orientierung vor diesem Hintergrund mit Expert*innen der Initiative als Thema in der Lehrkräftebildung zu pilotieren, hieß, unser beider Expertisen zusammenzuführen. Das bedeutete, eine substantielle wissenschaftliche Fundierung der Thematik mit (fach-)didaktischen Handlungsbezügen zu verknüpfen. Damit war es möglich, dem Bedürfnis von Studierenden nach unterrichts- und praxisbezogenen Verbindungen gerecht zu werden, ohne die wissenschaftliche Grundlegung und Reflexion aus den Augen zu verlieren. 

Welche Entwicklungen konnten Sie bei den Studierenden beobachten? Gab es etwas, das Sie besonders überrascht oder überzeugt hat?

Dank der professionellen und interaktiven Gestaltung durch die Projektpartner und dem hohen Grad an (selbst)reflexiven Elementen war eine deutliche Sensibilisierung zu beobachten. Überrascht hat mich, dass zwar nahezu alle Studierenden den Girls’Day und Boys’Day kannten und teilweise selbst teilgenommen hatten, dies aber nicht mit der Initiative in Verbindung bringen konnten.

Gefreut hat mich, dass das Seminar selbst und die bereitgestellten Materialien als hilfreich empfunden wurden und die Verknüpfung mit den fachunterrichtlichen Perspektiven gelingen konnte. Viele Studierende haben sich im Nachgang für das gute Seminar bedankt.

Was sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt – auch mit Blick auf die Frage, ob klischeefreie Berufsorientierung in der Lehramtsausbildung umsetzbar ist?

Mit der Kooperation im Pilotprojekt konnte nicht nur eine wichtige Praxisexpertise integriert, sondern der Blick der Studierenden auf solch zentrale Initiativen wie Klischeefrei eröffnet werden. Das ist für ihr späteres pädagogisches Handeln wichtig. Dies gilt nicht nur aus dem Grund, weil hier Ressourcen für Schule und Unterricht bereitgestellt werden, sondern weil die Zusammenarbeit auch Signalcharakter dafür hat, Berufliche Orientierung als gesamtgesellschaftlich relevante Kooperationsaufgabe wahrzunehmen.

Denn wenn Übergänge nicht gelingen oder durch Klischees stark eingeschränkt sind, hat dies nicht nur eine individuelle Relevanz. Zudem dürfen wir die Schulen mit dieser Aufgabe nicht allein lassen. Mit dem Pilotprojekt konnten wir auch demonstrieren, wie institutionelle Bildungspartnerschaft gelingen und für die Lehrkräftebildung fruchtbar gemacht werden kann. Die Gelingensbedingung war aus meiner Sicht die Gestaltung des Piloten in Form einer Werkstatt, in der Zeit und Raum besteht, sich vorbereitet und vertieft mit den Inhalten auseinanderzusetzen und variable Übungsformate zu erproben.

Wie lassen sich die im Seminar entwickelten Ideen in die spätere Unterrichtspraxis übertragen – und was braucht es, damit solche Ansätze tatsächlich in Schulen ankommen?

Wichtig ist es, die Ergebnisse zu dokumentieren und die Aktivitäten sichtbar zu machen. Zudem müssen wir die Studierenden ermuntern und befähigen, die Themen eigenständig, auch mit Blick aus ihren Unterrichtsfächern, fortgeführt, zum Beispiel in Praxisphasen, zu bearbeiten.

Es hat sich gezeigt, dass Berufliche Orientierung eine thematische Brücke zwischen den Unterrichtsfächern der Studierenden bilden kann. Das ist ja auch relevant für die Entwicklung und Umsetzung fächerübergreifenden bzw. fächerverbindenden Unterrichts.

Allerdings ist mit solch einem Seminar allein keine langfristige Veränderung an Schulen per se zu erreichen. Dazu braucht es „eine kritische Masse“ an Lehrpersonen, die das Anliegen tragen und Berufliche Orientierung so Aufgabe der Schulentwicklung werden kann. Außerdem braucht es Rahmenbedingungen, die Lehrpersonen Raum und Zeit geben, Ansätze klischeefreier Beruflicher Orientierung zu integrieren.

Sie betonen die Bedeutung von Kooperation: Warum ist die Zusammenarbeit zwischen Universität, Schule, Praxis und externen Partnern für dieses Thema so entscheidend?

Schule kann als Institution authentische Lerngelegenheiten zur Beruflichen Orientierung nur bedingt selbst zur Verfügung stellen. Es braucht für die Öffnung zur Arbeits- und Berufswelt eine Zusammenarbeit mit Partner*innen, um erstens den Heranwachsenden vielfältige, klischeefreie Perspektiven eröffnen zu können.

Zweitens bedarf es unterschiedlicher Dialog- und Reflexionsräume für Kinder und Jugendliche, die, ausgehend von einer Bandbreite an Optionen, Zukunftsentwürfe entwickeln und zumindest gedanklich erproben können.

Der Austausch zwischen den verschiedenen Akteur*innen unterstützt drittens das Verständnis für die jeweils anderen institutionsspezifischen Strukturen, Ziele und Prozesse und hilft so, Erwartungen transparent zu machen und Kooperationsbeziehungen zielklar zu führen.

Viertens kann es gelingen, weitere, für die Berufliche Orientierung bedeutsame Themen, explizit zu fokussieren. Beispielhaft wären dynamische Veränderungen in der Arbeits- und Berufswelt im Zuge der Herausforderungen der Digitalisierung und Dekarbonisierung zu nennen. Im Kontext der „grünen Beruflichen Orientierung“ können beispielsweise noch wenig bekannte berufsbezogene Veränderungen oder neue Berufe und Tätigkeitsfelder mit dem Ziel der Klischeefreiheit präsentiert und erprobbar gemacht werden.

Wie führen Sie die Ansätze aus dem Pilotprojekt aktuell weiter – und was müsste sich strukturell verändern, damit klischeefreie Berufsorientierung dauerhaft in der Lehrkräftebildung verankert wird?

Im kommenden Wintersemester werden die Materialien, Erfahrungen und Ergebnisse aufgegriffen und in einem Service-Learning-Seminar fruchtbar gemacht. Dessen Ziel ist die frühzeitige Etablierung der Beruflichen Orientierung im Fachunterricht der fünften Klassen. Erprobt werden sollen dann die gemeinsam von Studierenden des Lehramts HRSG und von Lehrpersonen entwickelten Konzepte.

Zudem startet in diesen Tagen ein neues von der Stiftung für Innovation in der Hochschullehre gefördertes vierjähriges Vorhaben an der Universität Münster. Das Projekt MIT-PART („Durch Mitgestaltung zur Verantwortungsübernahme“) rückt Partizipation als curriculares Prinzip in der Lehrkräftebildung der Universität Münster in den Mittelpunkt. Ziel ist es, übergreifende Kompetenzen von Studierenden systematisch zu fördern und partizipative Lehr-, Lern- und Prüfungsformate in den Themenfeldern Demokratiebildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung und Berufliche Orientierung (BO) co-kreativ zu entwickeln, zu erproben, zu evaluieren und curricular zu verankern. In dieses Vorhaben fließen auch die Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt ein.