12.05.2026
Warum verlassen Männer die Pflegeberufe?
Tag der Pflege | Interview mit Pia Wagner, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
Der Männeranteil in der Pflege nimmt langsam zu. Was braucht es, um nicht nur mehr Männer für die Ausbildung zu gewinnen, sondern auch, um sie als Pflegefachmänner zu halten? Ein Forschungsprojekt im BIBB hat vor diesem Hintergrund ehemalige Pflegefachmänner und ihre Berufswechselmotivation untersucht.
Frau Wagner, Sie haben in Ihrem Forschungsprojekt „Verwertungsperspektiven geschlechtsuntypischer Berufsausbildungen“ unter anderem untersucht, warum Männer die Pflege wieder verlassen. Was haben Sie herausgefunden?
Ein gewichtiger Grund, den alle Befragten angegeben haben, waren die Arbeitsbedingungen in der Pflege. Genannt wurden zum Beispiel Schichtpläne, die wegen der personellen Unterbesetzung immer wieder über Bord geworfen wurden. Druck, der ausgeübt wird, am freien Tag doch noch zu arbeiten. In der Nachtschicht auf Grund der Unterbesetzung eine hohe Verantwortung tragen zu müssen. Neben der hohen individuellen Belastung führten diese Rahmenbedingungen dazu, dass viele Befragte das Gefühl hatten, die Arbeit nicht gemäß ihres Pflegeverständnisse ausführen zu können.
Außerdem fehlten den Befragten attraktive berufliche Entwicklungsperspektiven. Für Pflegefachleute gibt es zwar viele Möglichkeiten, sich fachspezifisch weiterzuqualifizieren und z.B. Demenzbeauftragter oder Wundexperte zu werden. In der Praxis bedeute dies aber häufig: zusätzliche Aufgaben, aber keine wirkliche Aufstiegsoption, da die Fortbildungen weder angemessen finanziell honoriert würden, noch zu Anerkennung oder einem gesteigerten Gefühl an beruflicher Selbstwirksamkeit führten. Dies habe auch damit zu tun, dass erworbene Kompetenzen nicht umfänglich ausgeübt werden dürften, weil die Befugnisse hierfür fehlten. Bei den meisten meiner Interviewpartner war der Wunsch nach beruflicher Weiterentwicklung sehr stark, viele von ihnen hatten aber auch einen höheren Schulabschluss. Interessant war, dass bestehende Aufstiegsmöglichkeiten, wie beispielsweise die zur Pflegedienstleitung von den ehemaligen Pflegefachmännern als nicht attraktiv angesehen wurden. Zum einen fallen bei diesen Positionen die Schichtzulagen weg, zum anderen müssten diese Rollen vielerlei Erwartungen und Anforderungen vor dem Hintergrund schlechter Rahmenbedingungen erfüllen. Diese Rolle wollten die Befragten nicht übernehmen.
Auch das Ansehen des Pflegeberufs in der Gesellschaft wurde als Ausstiegsgrund genannt. Ein Befragter sagte zum Beispiel, dass es im Gespräch mit anderen über den Beruf „immer nur um Ausscheidungen ginge“, „Patient/-innen den Po abwischen“ und so weiter. Dabei sei der Beruf so viel mehr. Die Ausbildung sei anspruchsvoll, das Tätigkeitsfeld sehr komplex und der Alltag erfordere hohe Fach- und Sozialkompetenzen. Das werde aus Sicht der Befragten in der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen.
Dies zeigt sich auch daran, dass das Gehalt zwar als prinzipiell „in Ordnung“ beschrieben wurde, vor allem durch die finanziell attraktiven Nacht-, Wochenend- und Feiertagsschichten. Die hohe Verantwortung, Anforderungen und Belastungen einer Pflegefachkraft spiegelten sich aus Sicht der Befragten jedoch nicht im Gehalt wider.
