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Corona-Krise

Sorgearbeit ist „systemrelevant“

Corona-Krise: Sorgearbeit ist systemrelevant - Junge Pflegerin mit Mundschutz streift sich Handschuhe über
© Rawpixel | stock.adobe.com

Die aktuelle Corona-Krise macht es auf dramatische Weise deutlich: Fürsorgearbeit zeugt von besonderer sozialer Verantwortung, doch sie lastet vor allem auf den Schultern von Frauen. Unterbezahlt in Krankenhäusern und Pflegeheimen und als Gratis-Leistung in Familie und Ehrenamt bedeutet sie für viele Frauen zudem ein Armutsrisiko. Dabei zeigt sich besonders jetzt: Sorgearbeit ist „systemrelevant“ – und sie geht uns alle an.

Öffentlicher Applaus, der in den letzten Tagen und Wochen auch von den Balkonen in Deutschland ertönt, zeigt auf emotionale Weise: Die Arbeit am Menschen ist eine der wichtigsten, und dies wird unserer Gesellschaft gerade sehr bewusst. Gleichzeitig ist Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen unfair verteilt und finanziell oft nicht angemessen honoriert. Wer beruflich kürzer tritt, um sich um Kinder oder Pflegebedürftige zu kümmern, der oder dem drohen Einbußen bei Lebenserwerbseinkommen und Rente bis hin zur Altersarmut. Dieses Risiko gehen hauptsächlich Frauen ein.

Equal Care Day und Equal Pay Day machen Missstände sichtbar

Die ungleiche Verteilung von Fürsorgearbeit und ihre Auswirkungen thematisiert der alle vier Jahre am 29. Februar stattfindende Equal Care Day. Die Festlegung auf den 29. Februar symbolisiert das Verhältnis von 4:1 bei der Verteilung von Care-Arbeit und weist darauf hin, dass Männer rechnerisch etwa vier Jahre bräuchten, um so viel private, berufliche und ehrenamtliche Fürsorgetätigkeiten zu erbringen wie Frauen in einem Jahr. Der Equal Pay Day am 17. März hatte die Lohnlücke von 21 Prozent zwischen Männern und Frauen zum Thema.

Einer der Gründe für diese Lücke ist die Tatsache, dass Frauen häufiger als Männer in Teilzeit arbeiten, um private Sorgearbeit (Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen) besser mit ihrem Beruf vereinbaren zu können. Ein anderer Grund ist die geringere Entlohnung von Berufen, in denen überwiegend Frauen arbeiten wie zum Beispiel die Pflegeberufe, aber auch Berufe im Dienstleistungssektor wie im Verkauf oder in der Gastronomie. Eine Ursache für diese gravierenden Missverhältnisse, die die beiden Aktionstage aufzeigen, sind Geschlechterklischees und ein überholtes Rollenverständnis.

Geschlechterklischees wirken bis ins Homeoffice

Geschlechterklischees beeinflussen stark die Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen, die auch in diesen Tagen für Konfliktstoff zwischen Müttern und Vätern sorgt. Viele Eltern müssen im Homeoffice arbeiten, um die Verbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen. Homeoffice bedeutet für Eltern aber auch, dass sie parallel ihre Kinder versorgen, beschäftigen und unterrichten müssen, da Kitas und Schulen geschlossen sind. Doch wer darf ungestört arbeiten? Und wer ist zuständig für die Kinder? Bei dieser Entscheidung spielt sicherlich auch eine Rolle, wessen Arbeit als wichtiger erachtet wird. Und wie wichtig ist den Beteiligten rollenkonformes Verhalten? Hier kommen die Geschlechterklischees ins Spiel, die oft unbewusst ihre Wirkung entfalten.

Care-Arbeit geht uns alle an

Was Frauen und Männer auf privater Ebene aushandeln müssen und sich auch in der materiellen Wertschätzung von Sorgeberufen widerspiegelt, hat einen gesamtgesellschaftlichen und politischen Hintergrund. Dieser fußt auf der überholten Annahme, dass Care-Arbeit Privat- und/oder Frauensache sei. Doch Care-Arbeit geht uns alle an! Und: Berufe haben kein Geschlecht. Sorgearbeit fairer zu verteilen bedeutet daher, auch Jungen bei der Wahl eines Gesundheitsberufs oder eines sozialen Berufs zu stärken wie zum Beispiel durch den jährlichen Jungen-Zukunftstag, dem Boys'Day: Beim Boys'Day können Jungen erfahren, dass auch Berufe und Tätigkeiten im Bereich Soziales, Gesundheit, Pflege und Erziehung interessant und wichtig sind. In pädagogischen Workshops erhalten sie Gelegenheit, sich mit den Themen männliche Rollenbilder und Lebensplanung auseinanderzusetzen.

Um jedoch neue Fachkräfte für Care-Berufe zu gewinnen, müssen diese dringend an Attraktivität gewinnen. Die Arbeit am Menschen ist eine sinnstiftende, spannende und anspruchsvolle Aufgabe, doch die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung müssen stimmen. Daher sollten Berufe in der Pflege und im sozialen Bereich nach ihren Anforderungen angemessen entlohnt werden. [Grundlage könnte zum Beispiel der CW- (= Comparable Worth)-Index sein, den das Wirtschafs- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung entwickelt hat.] Außerdem sollte Erwerbsarbeit in allen Branchen so gestaltet werden, dass alle Beschäftigten, egal welchen Geschlechts, die Möglichkeit haben, ohne Nachteile für Karriere oder Rente private Sorge-Aufgaben zu übernehmen. Hier ist in erster Linie das Engagement aller wirtschafts- und sozialpolitischen Akteurinnen und Akteure, die Erwerbsarbeit und Arbeitsmärkte gestalten, gefragt.

Klischeefrei-Faktenblätter

Auf dem Portal pinkstinks.de schreiben Autor Nils Pickert und Autorin Rike Drust zum Thema.

Pinkstinks ist Partnerin der Initiative Klischeefrei. Die Organisation agiert gegen Geschlechterklischees in Medien und Spielzeug agiert: Mit Theaterarbeit an Grundschulen, einem Youtube-Kanal für 11 bis 16-Jährige, dem jährlichen Preis für progressive Werbung („Pinker Pudel“) und dem Monitoring sexistischer Werbung in Deutschland.