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„Kinder brauchen auch männliche Vorbilder“

Marcel Pohl, Erzieher

Männer in Kitas sind immer noch eine Ausnahme. In vielen Einrichtungen arbeiten ausschließlich Erzieherinnen. Marcel Pohl, Erzieher in Berlin, ist erst auf Umwegen zu dem Beruf gekommen, der heute sein Traumberuf ist. Wie wurde er, was er heute ist?

„Kinder brauchen auch männliche Vorbilder“

Wenn Marcel Pohl von seiner Arbeit erzählt, kommt er ins Schwärmen: „Dieser Beruf ist so abwechslungsreich, jeder Tag ist anders!“ Der 46-jährige Berliner arbeitet seit über neun Jahren mit Begeisterung in einer Kita im Bezirk Marzahn-Hellersdorf und hat seine Berufswahl noch nie bereut.

Auf Umwegen zum sozialen Beruf

Erzieher zu werden war jedoch nicht Marcels erste Wahl. Nach seinem Realschulabschluss startete er mit einer Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation ins Berufsleben. Schon während der Ausbildung wusste Marcel: „Das ist nichts für mich“. Trotzdem schloss er die Ausbildung ab und absolvierte danach seinen Zivildienst beim Deutschen Roten Kreuz.

Dort kam Marcel zum ersten Mal mit der Arbeit im sozialen Bereich in Berührung. „Ich habe unter anderem die Erste-Hilfe-Kurse vor- und nachbereitet“, erzählt er. „Zum Beispiel den Torso bereitgelegt für die Herzdruckmassagen, auch mit den Teilnehmenden hatte ich zu tun.“ Der Umgang mit Menschen und das Kommunikative gefielen ihm. Nach dem Zivildienst fing Marcel in einem Callcenter an, „Inbound“, wie er betont. Das heißt, Marcel war erste Anlaufstelle für Serviceanfragen und Problemfälle.

Nach vier Jahren verließ Marcel das Callcenter, blieb aber bei seinem Schwerpunkt „Menschen und Kommunikation“. Er wechselte zu einem Mobilfunkladen, wo er die nächsten Jahre als Verkaufsberater arbeitete. „Im Dienstleistungssektor habe ich gelernt, mit Menschen umzugehen“, erzählt Marcel rückblickend. „Davon profitiere ich heute noch, zum Beispiel bei herausfordernden Elterngesprächen.“

Ein Praktikum brachte die berufliche Wende

Dass Marcel überhaupt noch einmal eine neue Ausbildung begann, verdankt er zum einen dem Umstand, dass immer weniger Menschen Mobilfunkverträge in Ladengeschäften abschließen. An manchen Tagen seien nur drei Kundinnen und Kunden im Laden gewesen, erinnert sich Marcel. Zum anderen hatte er eine Nachbarin, dessen Mutter, eine Kindertagesstätte leitete. „Ich habe mich mit ihr einmal über meine berufliche Situation unterhalten. Da sagte sie: Mach doch mal ein Praktikum in einer Kita!“, beschreibt es Marcel. „Ich fand das irgendwie eine spannende Idee. Mit Anfang 20 habe ich schon einmal als Betreuer in einem Ferienlager gearbeitet und wusste, dass ich gut mit Kindern umgehen kann.“

Marcel entschied sich für ein vierwöchiges Praktikum, nicht in der Kita der Leitung, sondern in einer anderen Einrichtung desselben Trägers. Dafür nahm er sich Urlaub, denn seinen alten Job einfach so aufgeben wollte er nicht. „Nach zweieinhalb Wochen war das dann aber klar: „Ich möchte die Ausbildung zum Erzieher machen. Es ging nur noch um den Übergang, weil ich ja ein Einkommen brauchte.“

Mit der Leitung dieser Einrichtung fand sich eine Lösung: Marcel fing zum 1. Dezember als Erzieherhelfer in der Kita an. Seinen Mobilfunk-Job gab er auf. So hatte er etwas Geld und konnte praktische Erfahrungen sammeln, bis am 1. Februar des folgenden Jahres das Schuljahr an der Fachschule begann.

Seid mutig und traut euch, diesen vielfältigen Beruf zu ergreifen!

Marcel Pohl, Erzieher

Zurück in die Schule

„Die Ausbildung habe ich in Vollzeit, aber berufsbegleitend gemacht“, erzählt Marcel. „Das heißt, ich hatte zwei Tage pro Woche Schule und war drei Tage in der Einrichtung.“ Für Marcel war das ein gutes Modell. Zwar musste er die Schultage herausarbeiten, was eine höhere Belastung bedeutete, Marcel schätzte aber die Praxiserfahrung und die Routine, die er schon während der Ausbildung entwickeln konnte.

Zurück in die Schule zu gehen, war eine Herausforderung, vor allem das dritte Ausbildungsjahr. „Man muss schon viel lernen“, gibt Marcel zu. In seiner Klasse war er einer von acht Männern – bei 25 Schülerinnen und Schülern. Das ist im Vergleich ein hoher Männeranteil. Bei seinem Arbeitgeber sind etwa 15 Prozent der pädagogischen Fachkräfte Männer, im Bundesdurchschnitt sind es nur 8 Prozent.

Was sagte Marcels Umfeld zu seinem Berufswechsel? „Mein Freundeskreis und auch meine Familie haben mich darin bestärkt, das zu machen. ,Du kannst ja sowieso gut mit Kindern‘, haben sie gesagt“, erzählt Marcel lachend. Für ihn war es genau die richtige Entscheidung.

Marcel ist es wichtig, dass Kita-Kinder auch männliche Vorbilder haben. Sein Appell an junge Männer lautet deshalb: „Seid mutig und traut euch, diesen vielfältigen Beruf zu ergreifen!“

Erzieher - viel mehr als nur pädagogische Arbeit

Und es gibt Möglichkeiten, sich weiter zu qualifizieren. Nach sechs Monaten bildete sich Marcel zum Beispiel zur Fachkraft für Teilhabe und Inklusion weiter, sein erster Schritt von mehreren, die für ihn auch ein Stück persönlicher Weiterentwicklung bedeuten. Außerdem kann Marcel auf diesem Weg seine kommunikativen Fähigkeiten, die er aus den Jahren in der Dienstleistungsbranche mitgebracht hat, zum Vorteil der Kita und der Kinder einbringen.

Zu seinen aktuellen Zusatzaufgaben gehören seine Tätigkeit als Mentor für Auszubildende im ersten Ausbildungsjahr, sein Engagement als Gesundheitsmoderator im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements und sein „Job“ als Netzwerker und Sponsorenbetreuer, eine Funktion, in der er zusätzliche Finanzmittel für Feste und besondere Aktionen akquiriert.

Geschlechterstereotype zeigen sich auf mehreren Ebenen

Sind in Marcels Beruf Geschlechterklischees ein Thema? Im Kolleginnenkreis empfand sich Marcel als Mann zu Anfang nicht von allen gleich akzeptiert, doch heute fühlt er sich geschätzt und gut aufgehoben in seiner Einrichtung. Dazu trug sicher bei, dass er immer die Unterstützung der Kita-Leiterin hatte.

Dass sich Geschlechterrollen schon früh in den Köpfen festsetzen, merkt Marcel zum Beispiel auch daran, dass die Kinder eher ihn ansprechen, wenn sie Fußball spielen oder toben möchten. Als Marcel zum Fasching einmal als Eiskönigin Elsa verkleidet war, sagten Kinder: „Das ist doch nur für Mädchen!“ Doch Marcel will den Kindern vermitteln, dass es diese engen Grenzen nicht gibt und jedes Kind viele Möglichkeiten hat.

Er widerspricht auch dem Vorurteil, Frauen seien besser im Umgang mit Kindern. „Der Beruf erfordert es, dass man sich mit der eigenen Biografie auseinandersetzt, und ja, da können auch Tränen fließen“, sagt Marcel. Selbstreflexion sei wichtig, ebenso, dass man sich das Feedback der Kolleginnen und Kollegen einholt und dazu auch bereit sei. Das gelte aber für Frauen genauso. Marcel ist sicher: „Erzieher ist kein Beruf mit Stillstand, sondern ein dynamischer Beruf. Männer können das genauso gut wie Frauen. Die eigene Haltung ist das, worauf es ankommt.“

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