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06.05.2026 | Berufswege | Margit von Kuhlmann

„Ich bin Pionierin!“

Nicole Passenheim, Technische Hausmeisterin im Auswärtigen Amt

Manchmal braucht es einen langen Atem und viel Durchsetzungsvermögen, um beruflich ans Ziel zu kommen. Nicole Passenheim verfügt über beides. Das machte sie zur ersten Frau in so manchem männerdominierten Umfeld – und zu einer Pionierin im Auswärtigen Amt.

„Ich bin Pionierin!“

Die Telefonleitung in die Ukraine steht perfekt; klar und deutlich kommt Nicole Passenheims Stimme beim Interview durch den Hörer. Gleich der erste Auslandsaufenthalt als Technische Hausmeisterin brachte Nicole an die Deutsche Botschaft in Kyjiw. Sie ist dort die Chefin von drei Hausmeistern, fünf Reinigungskräften und einem Koch – alle aus der Ukraine. „Ein Land, in dem Geschlechterrollen oft traditionell geprägt sind“, stellte sie schnell fest, „Hier gibt es klare Rollenbilder“.

Nicole selbst ist ihren eigenen Weg gegangen, ungeachtet der gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen. Dieser Weg begann in Hameln an der Weser, wo die heute 39-jährige nach ihrem Abitur zunächst nicht wusste, was sie beruflich machen wollte. Sie begann ein Studium der Geowissenschaften und brach es nach zwei Semestern wieder ab. „Sitzen und lernen, das war mir zu wenig praktisch, das kann ich auf Dauer nicht“, wurde Nicole klar.

Der Mann ihrer älteren Cousine war Zimmermann, und Nicole fand schon als Kind die Zunftkleidung der Zimmerleute toll. Sie mochte den Werkstoff Holz und konnte sich die Arbeit damit vorstellen, aber Möbel oder Fenster wollte sie nicht bauen. „Mich hat eher das Architektonische interessiert“, sagt Nicole. So kristallisierte sich der Berufswunsch Zimmerin heraus. Der Beruf wurde ihr Traumziel.

Ein langer Atem

Bis der Traum wahr wurde, vergingen ganze fünf Jahre, in denen Nicole Passenheim vergeblich einen Ausbildungsplatz in Hameln und der Region suchte. „In Zimmereien gibt es diese klischeehafte Männlichkeit“, beschreibt Nicole die Situation. „Die wird auch vor sich hergetragen.“ Kein Ausbildungsbetrieb wollte die junge Frau einstellen. Hier zeigte sich Nicoles langer Atem, denn eine Alternative gab es für sie nicht. Sie hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und arbeitete in der Gastronomie, bis sie endlich die Zusage für einen Ausbildungsplatz bei einem großen Fertighausunternehmen erhielt.

Hier wurde Nicole zur Pionierin: Sie war die erste Auszubildende zur Zimmerin in dieser Firma. Nicole musste sich durchsetzen, wurde getestet, ihre Leistungsfähigkeit in Frage gestellt, sie erhielt absichtlich körperlich schwere Arbeiten von den Gesellen, die damit beweisen wollten, dass Nicole als Frau für die Zimmerei einfach ungeeignet sei. „Die dachten, so, jetzt ärgern wir die Kleine mal“, erzählt Nicole, „und gucken, ob die das überhaupt durchhält.“ Nicole hielt durch und erhielt schließlich Rückendeckung von zwei Altgesellen, die sie unter ihre Fittiche nahmen. „Ich musste immer mehr machen und mich mehr beweisen als die Männer“, stellt Nicole rückblickend fest. Ein Eindruck, den ihr eine andere Zimmerin aus einem anderen Betrieb später bestätigte.

Nach der Ausbildung hätte Nicole bei der Firma bleiben können. Aus privaten Gründen zog sie aber nach Berlin und fand eine Stelle bei einem Unternehmen für Schadstoffsanierungen, ebenfalls ein sehr männlich geprägtes Arbeitsumfeld.

Ich musste immer mehr machen und mich mehr beweisen als die Männer.

Nicole Passenheim

Neue Chance in Berlin

So richtig beruflich angekommen war Nicole zu dieser Zeit nicht. Als ihre beste Freundin, die schon länger beim Auswärtigen Amt arbeitete, ihr von einer Stellenausschreibung dort erzählte – gesucht wurden „Hausarbeiter“ und „Hausarbeiterinnen“, wie die Hausmeister dort heißen – bot sich Nicole die Chance, ihrem Leben eine neue Wendung zu geben. Den öffentlichen Dienst, die Sicherheit und die geregelten Arbeitszeiten fand Nicole attraktiv. Nicole bewarb sich und wurde genommen.

Im Auswärtigen Amt war sie als Hausarbeiterin einmal mehr eine Pionierin. Sie war zwar nicht die erste Frau, aber die erste, die blieb. Das Arbeitsklima gefiel ihr: „Es wird mehr auf den Umgang miteinander geachtet, man muss sich weniger beweisen“, beschreibt sie ihr neues Umfeld. „Ich hatte tolle Chefs und schnell deren Respekt und ihr Vertrauen. Ich bekam Freiheiten und durfte vieles selbstständig machen.“ Bei anderen Kollegen kam das zum Teil nicht gut an. Es habe Gegenwind von dem ein oder anderen gegeben. Nicole führt das aber darauf zurück, dass einige ihr die Freiheit und das Vertrauen der Vorgesetzten geneidet haben. „Das ist nicht mein Problem“, sagt sie selbstbewusst dazu.

Eltern geben Rückhalt

Das Selbstvertrauen für ihre Pionierarbeit bekam Nicole von ihren Eltern. „Meine Eltern standen grundsätzlich hinter mir“, erzählt sie. „Sie haben mich bei allem unterstützt, auch in den Jahren der Ausbildungsplatzsuche.“

Doch wie kam Nicole schließlich in die Ukraine? Nach einigen Jahren als Hausarbeiterin wollte sie 2024 eine Veränderung. Deshalb bewarb sie sich intern auf eine Stelle als Technische Hausmeisterin. Diese Position bietet mehr Verantwortung, für die Haustechnik und für Personal, und die Möglichkeit, im Ausland eingesetzt zu werden. Seit August 2025 arbeitet Nicole nun an der Botschaft in Kyjiw. Ihre Arbeit umfasst alles, was zur technischen Betreuung des Botschaftsgebäudes und der Residenz des Botschafters bzw. der Botschafterin gehört. Sie führt mit ihrem Team selbst Reparaturen durch, kümmert sich um die Wartung und Pflege von Anlagen wie der Klimaanlage oder der Heizung, sie möbliert Büros oder Besprechungsräume und beauftragt Fachfirmen, wo dies notwendig ist. Besonders gefällt ihr der Mix aus Bürotätigkeiten und Handwerk, das Organisatorische, Planerische und das Praktische. Und: „Ich finde, die Ukraine ist ein ganz wunderbares Land, trotz des Krieges. Ich lerne hier so viel, fachlich und auch menschlich.“

Wertschätzung ist wichtig

Nicoles ukrainischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mussten sich zu Beginn an ihre neue deutsche Chefin gewöhnen. Nicht nur ist sie eine Frau in einem handwerklich-technischen Beruf, sie lebt auch offen queer, ist mit einer Frau verheiratet, und sie ist sichtbar tätowiert – alles Dinge, die auch in der Ukraine keine Selbstverständlichkeit sind. „Die Hausarbeiter guckten ganz schön, als sie mich zum ersten Mal trafen“, grinst sie. Aber den Mitarbeitenden sei es vor allem wichtig, dass sie von der deutschen Vorgesetzten respektvoll behandelt würden, und darauf legt Nicole wert.

Pionierin in der „Portrait- und Spiegelgalerie“

Pionierin ist Nicole nicht nur in ihren beruflichen Tätigkeiten, sondern ganz offiziell im Auswärtigen Amt. Dort gibt es eine sogenannte „Portrait- und Spiegelgalerie“, die Pionierinnen würdigt, die als erste Frau in einer der vielen vormaligen Männerdomänen des Auswärtigen Amts gearbeitet haben. Zugleich verdeutlicht die Galerie den Anspruch des Auswärtigen Amts, den Frauenanteil an Führungspositionen zu erhöhen. Hier hängt jetzt auch ein Portraitfoto von Nicole Passenheim.

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