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Ausbilderinnen – wichtig für die Berufswahl junger Frauen?

Für die eigene Berufswahl sind Vorbilder zweifelsohne von entscheidender Bedeutung. Junge Menschen orientieren sich bei der Berufsfindung an dem, was sie in ihrem Umfeld wahrnehmen und sehen – oder eben auch nicht sehen.

Ausbilderinnen – wichtig für die Berufswahl junger Frauen?

Ausbilderinnen können, neben anderen Frauen zum Beispiel aus dem persönlichen Umfeld, diese Vorbildfunktion ausüben. Vorbilder und Mentorinnen oder Mentoren haben einen Einfluss auf die Berufswahl und die Karriereentwicklung. Ausbilderinnen können für junge Frauen beides sein, Vorbild und Mentorin auf dem Karriereweg. Mehr Frauen in der Ausbildung könnten also dazu beitragen, dass handwerkliche oder technische Berufe für mehr jungen Frauen vorstellbar werden.

Dieser Text gibt einen Überblick über aktuelle Statistiken zum Ausbildungspersonal, zeigt den aktuellen Status-Quo und beleuchtet Ursachen und Einflussfaktoren für den geringen Frauenanteil beim Ausbildungspersonal in Industrie und Handwerk. Erschwert wird die Analyse dadurch, dass bisher wenig belastbare Zahlen und Daten zur Verfügung stehen.

Wer bildet eigentlich aus?

Das zuletzt 2020 novellierte Berufsbildungsgesetz (BBiG) regelt in Deutschland die betriebliche Berufsausbildung, die Berufsausbildungsvorbereitung, die Fortbildung sowie die berufliche Umschulung. Gemäß § 28 BBiG sind durch den Betrieb bestellte, persönlich und fachlich geeignete Ausbilderinnen und Ausbilder dafür verantwortlich, Ausbildungsinhalte in den jeweiligen Berufen zu vermitteln. Sie teilen sich diese Aufgabe mit weiteren Fachkräften.

Das bedeutet, in der Berufsbildung gibt es für die Ausbildung Ausbildungsleiterinnen und -leiter, hauptberufliche Ausbilderinnen und Ausbilder sowie nebenberufliche Ausbilderinnen und Ausbilder. Darüber hinaus sind Mitarbeitende in Betrieben als ausbildende Fachkräfte tätig, die am Arbeitsplatz ausbilden, ohne selbst Ausbilderin oder Ausbilder im Sinne des BBiG zu sein. Nicht vergessen werden darf das Ausbildungspersonal in den sogenannten überbetrieblichen Berufsbildungsstätten (ÜBS). Da nebenberufliche Ausbilder und Ausbilderinnen nicht erfasst werden, ist es fast unmöglich, die exakte Zahl an in Deutschland mit der Ausbildung befassten Personen festzustellen.

Zur Datenlage

Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) schreibt zur empirischen Problematik: „Es gibt nur eingeschränkt verfügbare empirische Daten zum beruflichen Bildungspersonal. So werden zwar die Zahlen des Ausbildungs- und Lehrpersonals regelmäßig erhoben. Für 2012 waren dies ca. 672.000 Ausbilderinnen und Ausbilder, die bei den Kammern gemeldet waren. Hinzu kamen im selben Jahr über 117.000 Lehrkräfte im Bereich der beruflichen Schulen. Für die übrigen Gruppen des Berufsbildungspersonals aber gibt es lediglich vage Schätzungen.“ Die oben genannten ausbildenden Fachkräfte, die diese Aufgabe neben ihren eigentlichen Tätigkeiten ausüben, dürften von ihrer Anzahl her um ein Vielfaches höher liegen als die registrierten Personen.“ 

weiterlesen auf bibb.de

Die jüngsten Zahlen sind für das Jahr 2018 verfügbar. Insgesamt waren 644.436 Ausbilderinnen und Ausbilder tätig (bzw. „erfasst“), davon 303.453 in Industrie und Handel sowie 208.380 im Handwerk (gesamt 511.833). Davon waren in Industrie und Handel 99.936 Frauen – das entspricht einem Anteil von 32,93 Prozent – sowie 24.606 im Handwerk, was einem Anteil von 11,81 Prozent entspricht. Über beide Bereiche beträgt der Frauenanteil 124.524 Personen beziehungsweise 24,33 Prozent. Grob kann also von einem Verhältnis von 3:1 zugunsten der Männer gesprochen werden.

Ein Blick auf die Alterskohorten des Ausbildungspersonals differenziert das Bild. Den höchsten Männeranteil beim Ausbildungspersonal mit fast 80 Prozent weist die Altersgruppe der über 50-Jährigen auf. Je jünger die Menschen, desto größer ist der Frauenanteil am Ausbildungspersonal. Bei den bis 29-Jährigen sind Männer und Frauen fast gleich auf (bei einem leichten Männerüberhang mit rund 53 Prozent).

Der Frauenanteil in Handwerk und Industrie ist bei den Auszubildenden größer als der Frauenanteil beim Ausbildungspersonal in diesen beiden Bereichen. So treffen in den Handwerksberufen rund 18 Prozent weibliche Auszubildende auf knapp 12 Prozent Ausbilderinnen – das Friseurhandwerk und die Hauswirtschaft sind hier eingerechnet. Nur knapp 22 Prozent der Ausbilder sind unter 40 Jahre alt. Bei den Ausbilderinnen beträgt der Anteil dagegen über 36 Prozent. Diese Zahlen beziehen sich nur auf hauptamtliches Ausbildungspersonal. Im Ausbildungsalltag kann das Geschlechterverhältnis durch die Einbeziehung der Fachkräfte anders aussehen. Wir können jedoch davon ausgehen, dass Frauen als Ausbilderinnen in stark männerdominierten Berufen wie zum Beispiel in den Bauhandwerken kaum vorkommen – hier müssten zunächst mehr Frauen eine Ausbildung absolvieren.

Ausbilderin-Maschine

Wie wird man Ausbilderin?

Um als Ausbilderin bzw. Ausbilder tätig zu werden, braucht es in der Regel eine entsprechende Qualifikation (eine Ausnahme bilden die Freien Berufe). Im BBiG ist festgelegt, dass nur ausbilden darf, wer dafür persönlich und fachlich geeignet ist. Die Ausbilder-Eignungsverordnung (AEVO) gibt vor, worum es sich genau bei den geforderten berufs- und arbeitspädagogischen Kenntnissen handelt und wie ein Nachweis über diese Kenntnisse erbracht werden kann.

Im Jahr 2018 nahmen in den Ausbildungsbereichen Industrie und Handel, Handwerk, Landwirtschaft, öffentlicher Dienst und Hauswirtschaft insgesamt 94.806 Personen an Ausbildereignungsprüfungen teil, 61.485 davon waren Männer und 33.321 Frauen. 88.158 Personen haben die Prüfung bestanden. Die Erfolgsquote lag somit bei 93 Prozent. Der Frauenanteil bei den bestandenen Prüfungen lag bei 35,7 Prozent.

In vielen gewerblichen Berufen ist eine Meisterprüfung die Voraussetzung, um ausbilden zu dürfen. Im Bereich der Handwerkskammern wurden 2019 nur 16,9 Prozent der Meisterprüfungen von Frauen abgelegt, im IHK-Bereich waren es gar nur 6,6 Prozent. Frauen dominieren dagegen mit knapp 97 Prozent die Hauswirtschaft.

Selbst wenn man davon ausgeht, dass der reale Frauenanteil am Ausbildungspersonal über 24,3 Prozent liegt, weil dieser im Öffentlichen Dienst, den Freien Berufen und der Hauswirtschaft (den weiteren statistisch erfassten Bereichen) höher liegt, fehlt es vor allem im Handwerk, aber auch in der Industrie an Ausbilderinnen und damit weiblichen Vorbildern.

Um festzustellen, wie viele weibliche (und männliche) Auszubildende dem Ausbildungspersonal gegenüberstehen, können die oben genannten Zahlen mit den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen 2017/18 (gemeint ist der Zeitraum 1. Oktober 2017 bis 30. September 2018) verglichen werden. In Industrie und Handel sowie Handwerk wurden 2017/18 insgesamt 309.831 bzw. 145.308 Ausbildungsverträge geschlossen (gesamt 455.139), davon waren in Industrie und Handel 35,4 Prozent (109.755) und im Handwerk 20,4 Prozent (29.589) weiblich (gesamt 139.344). 30,6 Prozent (neu gestartete) weibliche Auszubildende in Industrie und Handel sowie Handwerk treffen somit auf 24,3 Prozent Ausbilderinnen.

In diesem Zusammenhang muss beachtet werden, dass die Zahl junger Frauen in der dualen Ausbildung allgemein rückläufig ist. Seit 2010 fiel sie um 26,5 Prozent. 2020 wurden noch 170.200 Ausbildungsverträge mit Frauen geschlossen. Die Gründe für diese Entwicklung liegen zum einen in einer höheren schulischen Vorbildung, die junge Frauen eher Ausbildungen außerhalb des dualen Systems oder ein Studium anstreben lässt. Zum anderen gibt es einfach weniger junge Menschen. Junge Männer dagegen wählen viel häufiger einen dualen Ausbildungsberuf.

Gibt es nun in Industrie und Handwerk wenig weiblich Auszubildende, weil es wenige Ausbilderinnen gibt? Oder gibt es wenige Ausbilderinnen, weil es wenige Auszubildende und damit letztlich vergleichsweise wenige weibliche Beschäftigte gibt? Beides dürfte zutreffen. Mit steigender Anzahl von in Industrie und Handwerk tätigen Frauen müsste die Zahl von Ausbilderinnen zunehmen.

Kfz-Mechatronikerinnen

Die sogenannte „vertikale Segregation“

Von einem „Automatismus“ ist nicht auszugehen, denn aus anderen Arbeitsmarktbereichen ist das Phänomen der vertikalen Segregation hinlänglich bekannt: obwohl beispielsweise die Erfolgsquote in der Gesellinnenprüfung bei Frauen höher liegt als die der Männer, absolvieren nur vergleichsweise wenige Frauen die Meisterinnenprüfung. Eine steigende Zahl von weiblichen Beschäftigten geht also nicht zwingend mit einer steigenden Zahl an weiblichen Führungskräften einher.

Die Tätigkeit als Ausbilderin, ob nun haupt- oder nebenberuflich, beinhaltet das Anleiten und Führen von (künftigen) Mitarbeitenden. „Ausbilden ist eine gute Möglichkeit, in Führungsaufgaben hineinzuwachsen“, sagt Janine Vollborn, Technische Systemplanerin bei Stadler Deutschland, die wir für dieses Themendossier porträtiert haben.

Ob es in gewerblich-technischen und Handwerksberufen Strukturen gibt, die Frauen vom Karriereweg „Ausbilderin“ abhalten ist eine interessante, aber bisher kaum untersuchte Frage. Tischlermeisterin Johanna Röh berichtet im Porträt beispielsweise darüber, dass Frauen als Vorbilder im Lehrmaterial kaum vorkommen und bestehende Stereotype reproduziert werden. In unserem Gespräch mit Dr. Anika Jansen vom Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA, angesiedelt am Institut der deutschen Wirtschaft) gehen wir auf diesen wichtigen Aspekt ein.

Warum explizit Ausbilderinnen?

Mehr weibliches Ausbildungspersonal in Industrie und Handwerk kann entsprechende Ausbildungsberufe für junge Frauen attraktiver machen, auch wenn sich die vergleichsweise niedrige Zahl von Frauen in Industrie und Handwerk multikausal erklären lässt. Andere Ursachen wie Rollenverständnis, die Schulnoten in Fächern wie Deutsch und Mathematik oder Aversionsfaktoren (also warum bestimmte Ausbildungsberufe nicht gewählt werden) sind relativ gut untersucht. Zum Einfluss von Ausbilderinnen auf eine mögliche Entscheidung für eine duale Ausbildung in Industrie und Handwerk gibt es dagegen kaum Analysen.

Ausbilderinnen als Vorbilder, Mentorinnen, Wegbegleiterinnen und Unternehmensbotschafterinnen einzusetzen, kann ein weiterer Hebel für Unternehmen sein, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Das setzt einen gewissen Wandel des Bildes von Ausbildungspersonal voraus und darüber hinaus die Bereitschaft der Ausbilderinnen, in der Unternehmenskommunikation einen aktiven Part einzunehmen.

So könnten Ausbilderinnen (zusammen mit aktuellen und/oder ehemaligen Auszubildenden) das eigene Unternehmen und den Beruf – als Botschafterinnen – in Schulen und auf Berufsorientierungsmessen vorstellen. Sie könnten Arbeitgebende und Tätigkeitsfelder in den digitalen Kanälen wie Website und Social Media präsentieren und in formellen Medien wie dem Unternehmensmagazin oder über informelle Kanäle über ihren Arbeitsalltag berichten. 

Diese Analyse zeigt, dass die Ursachen für das bestehende Geschlechterverhältnis im Ausbildungspersonal bisher nur mangelhaft untersucht sind. Es liegt jedoch nahe, dass eine höhere Zahl an Ausbilderinnen einen positiven Einfluss auf die Zahl der Auszubildenden im dualen System hätte und damit letztlich zur Fachkräftesicherung beitragen könnte.

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