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„Entscheidend ist, dass Frauen in diesen Berufen sichtbarer sind“

Marjoke Breuning (IHK Region Stuttgart) und Holger Schwannecke (ZDH) sprechen im Interview über offene Unternehmenskultur, geschlechterbewusste Personalstrategien und die Notwendigkeit einer klischeefreien Berufsorientierung

„Entscheidend ist, dass Frauen in diesen Berufen sichtbarer sind“

Immer weniger junge Menschen beginnen eine betriebliche Ausbildung. Besonders bei den jungen Frauen scheint das Interesse zu schwinden. Ihr Anteil beträgt nur rund 37 Prozent an allen neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen. Ist die duale Ausbildung nicht mehr attraktiv, vor allem nicht mehr für Frauen?

Marjoke Breuning: Es gibt einen grundsätzlichen Trend zu höheren Schulabschlüssen mit anschließendem Studium. Das trifft auch auf Frauen zu. Außerdem ist der Anteil der weiblichen Azubis vor allem in der Hotel- und Gastronomiebranche im Vergleich hoch. Und genau da, aber auch in Teilen des Handels, verzeichnen wir bedingt durch Corona einen deutlichen Rückgang an Neuverträgen. Und das wirkt sich natürlich auf den abnehmenden Gesamtanteil an weiblichen Azubis in der dualen Ausbildung aus. Dazu ist leider bei den jungen Menschen, aber oftmals auch bei den Eltern, nicht immer bekannt, in welchen Berufen Ausbildungen möglich sind und welche hervorragenden Karrieremöglichkeiten eine duale Ausbildung bietet. Wir haben verschiedene Initiativen und Projekte, mit denen wir aufklären und informieren. Zum Beispiel unsere Bildungspartnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen, die es in ganz Baden-Württemberg gibt und bei denen erfreulicherweise auch immer mehr Gymnasien mitmachen. Die Unternehmen können zum Beispiel mit Betriebserkundungen, Praktika und Bewerbertrainings den Schülerinnen und Schülern praxisnahe Einblicke in ihre Tätigkeiten verschaffen. Eine weitere erfolgreiche Initiative im Bereich Berufsorientierung sind unsere Ausbildungsbotschafter. Das sind Azubis, die in Schulen über ihre eigene Ausbildung, ihren Alltag im Betrieb und der Berufsschule berichten. Sie erzählen von ihren persönlichen Erfahrungen und beantworten Fragen zu ihrer Ausbildung. Wir dürfen nicht nachlassen und müssen zusammen mit der Politik weiter an einer Gleichwertigkeit von Studium und dualer Ausbildung arbeiten, so dass die berufliche Bildung als echte Alternative zum Studium in der Gesellschaft verankert wird.

Wir dürfen nicht nachlassen und müssen zusammen mit der Politik weiter an einer Gleichwertigkeit von Studium und dualer Ausbildung arbeiten, so dass die berufliche Bildung als echte Alternative zum Studium in der Gesellschaft verankert wird.

Marjoke Breuning

Holger Schwannecke: Eine betriebliche Ausbildung und allemal eine im Handwerk ist attraktiver denn je. Alle Zukunftsaufgaben wie etwa Klimaschutz, Energie- und Mobilitätswende, Smart Home oder der analoge wie digitale Infrastrukturausbau werden sich nur mit beruflich qualifizierten Handwerkerinnen und Handwerkern umsetzen lassen. Die Arbeit wird hier sicher in den nächsten Jahren nicht ausgehen. Junge Menschen, die eine duale Ausbildung starten, legen damit einen sicheren Grundstein für die eigene Berufskarriere mit hervorragenden Entwicklungsperspektiven und Karrieremöglichkeiten. Tatsächlich ist es heute so, dass die berufliche Bildung Perspektiven eröffnet, die mancher akademische Weg nicht mehr bieten kann, etwa wenn es um die Arbeitsplatzsicherheit oder Möglichkeiten zur Selbstständigkeit geht. In kaum einem anderen Wirtschaftsbereich etwa kann man so jung sein eigener Chef bzw. seine eigene Chefin werden und einen Betrieb leiten wie im Handwerk. Dass sich das herumspricht, darauf deutet die steigende Zahl von Studienaussteigern und Schulabgängerinnen und Schulabgängern mit Hochschulzugangsberechtigung hin, die den Weg in Handwerksbetriebe finden.

Es gibt keinen Ausbildungsberuf, der nur für Frauen oder nur für Männer gemacht ist, auch nicht im Handwerk. Immer noch bestehende tradierte Rollenklischees gilt es aufzubrechen. Handwerkliche Fähigkeiten machen keinen Stopp vor dem Geschlecht. Die besondere Herausforderung der Zukunft besteht darin, mittels einer geschlechterneutralen Berufsorientierung und Ansprache der Betriebe insbesondere junge Frauen für eine betriebliche Ausbildung zu gewinnen.

Die besondere Herausforderung der Zukunft besteht darin, mittels einer geschlechterneutralen Berufsorientierung und Ansprache der Betriebe insbesondere junge Frauen für eine betriebliche Ausbildung zu gewinnen.

Holger Schwannecke

Rollenvorbilder, wie in unserer Imagekampagne, sollen junge Frauen anregen ihre Berufswünsche neu auszurichten.

In Wirtschaftssektoren mit MINT-Bezug, wie z.B. im Bereich Metall- und Elektro, wird traditionell viel ausgebildet, ebenso wie in der Bauwirtschaft (Ausbildungsbetriebsquoten 2018: Metall/Elektro 33,1 %, Maschinen-/Automobilbau: 35,1 %, Bau: 26,8 %, Chemie/Pharmazie: 29,8 %). Dort finden sich gleichzeitig auch die Berufe mit den höchsten Männeranteilen. Tun die Unternehmen zu wenig für den weiblichen Nachwuchs?

Holger Schwannecke: Die genannten Wirtschaftsbereiche waren bisher stark männlich geprägt und sind mit entsprechenden Rollenklischees behaftet. Arbeitsprozesse und technische Arbeitsgeräte haben sich in vielen Bereichen jedoch stark gewandelt, die körperlichen Belastungen sind auch durch den digitalen Wandel geringer geworden. Insofern verlieren Argumente einer in diesen Berufen erforderlichen „Muskelkraft“ immer mehr an Bedeutung. Letztlich kommt es jedoch darauf an, dass wir in der Gesellschaft und auch in den Betrieben selbst umdenken. Handwerkerinnen kämpfen vielfach noch gegen veraltete Klischees. Wenn wir das ändern wollen, müssen wir Mädchen stärker ermutigen, ihre Berufswahl jenseits starrer Rollenmuster zu treffen. Wichtig ist, dass wir Handwerkerinnen sichtbarer machen. Junge Frauen brauchen Vorbilder, an denen sie sich orientieren können und die ihnen zeigen, dass Frauen ihre handwerklichen Talente, technischen Interessen und Führungsqualitäten im Handwerk entfalten können. Ebenso wichtig sind Entwicklungsangebote, die den weiblichen Nachwuchs gezielt fördern und Frauen in ihrem Aufstiegsverhalten stärken. Nur so können wir gut qualifizierte Frauen an das Handwerk binden. Erfolgreich sind vor allem die Betriebe, die Chancengleichheit in der Unternehmenskultur verankern und gendersensibler kommunizieren. 

Das erfordert ein Umdenken bei der Personalentwicklung von der Bewerbung bis zur Förderung. Einfluss darauf haben auch die Arbeitsbedingungen und das Arbeitsklima vor Ort in den Betrieben. Und tatsächlich verändern sich die Muster in zahlreichen Berufen: Raumausstatterbetriebe, Augenoptikerbetriebe und Bestattungsunternehmen – um nur einige Beispiele zu nennen – bilden heute mehr Frauen als Männer aus. Auch bei den Orthopädietechniker- und Orthopädieschuhmacherbetrieben sind fast die Hälfte der Auszubildenden weiblich. Zu den Top 10 der Ausbildungsberufe bei Mädchen und jungen Frauen gehören Kraftfahrzeugmechatronikerin, Tischlerin und Maler- und Lackiererin. Gelingt es, Bereiche mit stark männlich dominierten Berufen aufzubrechen, finden sich zukünftig auch mehr Frauen, die Interesse haben, in diesen Bereichen zu arbeiten.

Marjoke Breuning: Mädchen haben gute Leistungen in den MINT-Fächern, entscheiden sich aber leider oft nicht für eine Ausbildung in diesem Bereich. Sie bewerben sich oftmals nicht, wenn sie sich nicht wirklich sicher sind, dass sie eine Ausbildung gut schaffen können. Es ist daher wichtig, dass sie sich ein genaues Bild von diesen Berufen machen können. Da kommen wir wieder auf das Thema Berufsorientierung zurück, die in allen weiterführenden Schulen fester Bestandteil sein muss. Das berufliche Umfeld in solchen Berufen ist zudem sehr männlich geprägt. Wir sollten daher noch stärker darauf achten, dass Mitarbeiterinnen gerne in diesen Berufen arbeiten. Die IHKs haben eine Reihe von Informationsangeboten für ihre Mitgliedsbetriebe, die hier mehr machen möchten. Unternehmen können zum Beispiel mit einer inklusiven offenen Unternehmenskultur und Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf viel bewirken. Zugleich muss die Politik Rahmenbedingungen verbessern und den Fokus auf MINT-Schulfächer verstärken. Auch der weitere Ausbau der Kinderbetreuung ist wichtig.

Welche Rolle spielen Ausbilderinnen aus Ihrer Sicht für die Gewinnung von jungen Frauen? Brauchen wir in handwerklich-technischen Berufen mehr Ausbilderinnen?

Marjoke Breuning: Die Vorbildfunktion kann in vielen Fällen ein Kriterium für junge Frauen sein, einen gewerblichen-technischen Beruf in Erwägung zu ziehen. Entscheidend ist, dass Frauen in technischen Berufen sichtbar sind. Bei dem Thema besteht jedoch ein klassisches Henne-Ei-Problem. Denn Ausbilderinnen werden aus Fachkräften gewonnen und Fachkräfte wiederum aus Auszubildenden. Und dazu brauchen wir einen größeren Anteil an weiblichen Azubis.

Holger Schwannecke: Das sehe ich genauso. Mehr Ausbilderinnen zu gewinnen setzt voraus, mehr junge Frauen auszubilden und diese im Betrieb zu halten und gleichzeitig deren Potentiale als Ausbilderinnen zu nutzen. Ausbilderinnen haben immer Vorbildfunktion, insofern brauchen wir mehr Ausbilderinnen. Je mehr wir von diesen in gewerblich-technischen Berufen und in MINT-Berufen haben, umso besser kann es uns gelingen, junge Frauen für diese Tätigkeitsfelder zu begeistern.

Was raten Sie Betrieben, die gezielt Frauen als Ausbilderin oder Meisterin gewinnen wollen?

Marjoke Breuning: Auszubildende und Mitarbeiterinnen fördern, um damit die Ausgangslage zur Qualifizierung von Ausbilderinnen zu schaffen. Betriebe können Teilzeitmodelle oder Möglichkeiten zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie anbieten. Dadurch kann eine solche Stelle oder Aufgabe für Frauen attraktiver werden. Zudem sollten die Unternehmen gezielt überlegen, was Frauen an der Funktion der Ausbilderin anspricht und gezielt darauf eingehen, zum Beispiel die Sinnhaftigkeit und Verantwortung.

Holger Schwannecke: Das ist zunächst eine personalstrategische Überlegung. Ein erster Schritt ist die Ausbildung junger Frauen. Schon das kann eine Herausforderung für einen männertypischen Betrieb sein. Hier heißt es, das ganze Team „mitzunehmen“, die Stellenbeschreibung so zu formulieren, dass sich auch Frauen willkommen und angesprochen fühlen: etwa durch Bildmotive, die einen Eindruck vom Arbeitsalltag mit seinen technischen, kreativen und sozialverantwortlichen Aspekten geben, durch die Darstellung des Gewerkes im Zusammenhang mit Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekten oder durch die Beschreibung der Tätigkeiten durch Auszubildende. 

Ausbilderinnen in technischen Bereichen einzusetzen, sollte strategisch angegangen werden. Zusammen mit den künftigen Ausbilderinnen sollten die Erwartungen und Rahmenbedingungen abgesteckt werden. Wie das geht, zeigt die Handlungsempfehlung zur Rekrutierung von Frauen des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA), ein Projekt des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

Vor allem in kleinen Unternehmen kann der Ausbildung aus Kapazitätsgründen manchmal nicht ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt werden. Aber auch in größeren Unternehmen hängt vieles in der Ausbildung vom Engagement der Ausbildenden ab. Wird die Tätigkeit des Ausbildens zu wenig wertgeschätzt in Unternehmen?

Holger Schwannecke: Das Handwerk bildet überdurchschnittlich aus, was sich in der Ausbildungsquote von fast 8 Prozent im Vergleich zur Gesamtwirtschaft von 4,8 Prozent niederschlägt. Das geht nicht ohne qualifiziertes Ausbildungspersonal. Daher hat sich das Handwerk für den Teil IV – Ausbildereignungsprüfung – in der Meisterprüfung stark gemacht. Damit findet eine Wertschätzung der Ausbildenden statt.

Marjoke Breuning: In nur wenigen Fällen ist die Ausbildertätigkeit im Unternehmen eine hauptberufliche. Die Betreuung eines Azubis muss fast immer zusätzlich zu den primären Aufgaben bewältigt werden. Wenn dafür nicht ausreichend Freiräume geschaffen werden, kann dies – gerade in Krisenzeiten wie jetzt – schnell zu einer Doppelbelastung oder Überlastung führen. Wir beraten neue Auszubildende und ihre Ausbilder und Ausbilderinnen dahingehend, die Ausbildung vor Antritt des Azubis gut zu planen. Die Kolleginnen und Kollegen in den Fachabteilungen müssen frühzeitig informiert und eingebunden werden. So können Leerläufe während der Ausbildung vermieden werden und der Azubi ist rundum betreut. Das ist insbesondere in Zeiten von Corona besonders wichtig, weil durch Home-Office in vielen Berufen der tägliche Austausch nicht im gewohnten Maß möglich ist. Die Betriebe sollten ihr Augenmerk auf den möglichen Nutzen einer Ausbildung legen, anstatt nur den Aufwand zu sehen. Wenn erst ausgebildet wird, wenn der Arbeitsmarkt keine entsprechenden Arbeitskräfte mehr hergibt, kann es zu spät sein. Bei regelmäßiger Ausbildung und spürbaren Ausbildungserfolgen ist auch die Wertschätzung hoch.

Frau Breuning, Frauen sind in kaufmännischen Berufen sehr stark vertreten. Die Kauffrau für Büromanagement gehört zu den beliebtesten Ausbildungsberufen junger Frauen. In den technischen Berufen dagegen dominieren Männer. Was tun die IHKs, um mehr Frauen für MINT-Berufe zu begeistern?

Marjoke Breuning: Die IHKs bringen sich stark in die Berufsorientierung ein. Die zwölf baden-württembergischen IHKs beispielsweise haben insgesamt 15 Programme in diesem Bereich. Unter anderem engagieren sie sich beim bundesweiten Girls‘Day, ein Aktionstag, der Mädchen und Frauen motivieren soll, technische und naturwissenschaftliche Berufe zu ergreifen, indem Unternehmen Einblicke in diese Berufe geben. Über die Ausbildungsbotschafterinnen – ein sehr erfolgreiches Projekt, das in Baden-Württemberg ursprünglich entstanden ist – haben wir ja bereits gesprochen. Im letzten Jahr gab es zudem eine Neuordnung in den IT-Berufen mit zwei neuen kaufmännischen IT-Berufen: die Kaufleute für Digitalisierungsmanagement und Kaufleute für IT-Systemmanagement. Wir erhoffen uns davon auch einen Anstieg der Frauen in den IT-Berufen. Grundsätzlich zielt aber jedes Berufsorientierungsangebot der IHKs darauf ab, dass jede und jeder den Beruf findet, der zu ihren und seinen Stärken und Interessen passt! Denn die Ausbildung soll ja Spaß machen.

Herr Schwannecke, nur vergleichsweise wenige Frauen absolvieren die Meisterinnenprüfung. Was tut der ZDH, um mehr Frauen für die Meisterinnenlaufbahn zu begeistern?

Holger Schwannecke: Insgesamt beträgt der Anteil der Frauen, die eine Meisterprüfung ablegen, in allen Gewerken 17,9 Prozent. Das entspricht in etwa dem Frauenanteil in der Gesellenprüfung. Wir arbeiten daran, dass sich der Frauenanteil sowohl bei Ausbildungen wie Meisterprüfungen erhöht.

Marjoke Breuning

Die Inhaberin eines traditionsreichen Bekleidungsgeschäfts in Stuttgart steht seit 2017 an der Spitze der IHK Region Stuttgart. Sie ist Vizepräsidentin des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages und seit März 2021 auch des Deutschen Industrie- und Handelskammertages.

Holger Schwannecke

Der Jurist ist seit 2010 Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks und bereits seit 1992 für den Verband in unterschiedlichen Funktionen tätig, unter anderem als Leiter der Rechtsabteilung. Er ist zudem Geschäftsführer des Unternehmerverbandes Deutsches Handwerk.

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