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„Wir erledigen unsere Aufgaben als Mensch, nicht als Frau oder Mann“

Johanna Röh ist fast schon ein bisschen berühmt. Seitdem ihre Geschichte und ihre Handwerkskunst in der Sendung 37° im ZDF gezeigt wurden, erhält sie Bewerbungen und Praktikumsanfragen aus ganz Deutschland. Ihr Unternehmen ist ausgelastet, Kundinnen und Kunden müssen mehrere Monate Wartezeit einkalkulieren.

„Wir erledigen unsere Aufgaben als Mensch, nicht als Frau oder Mann“

Johanna Röh ist Tischlermeisterin und Restauratorin im Handwerk. 2016 hat sie sich selbstständig gemacht und arbeitet seitdem als Ein-Frau-Betrieb mit Azubi und einer besonderen Philosophie: Sie produziert kunstvolle, individuelle Möbel nach den Wünschen ihrer Auftraggeberinnen und Auftraggeber und restauriert und repariert alte Schmuckstücke. Dabei achtet sie auf traditionelles Handwerk und Nachhaltigkeit, verwendet zum Beispiel Holz aus der Region und ausschließlich natürliche Veredelungsmethoden wie Öle, Wachse oder Schellack.

Dass es einmal so kommen würde, war zunächst gar nicht absehbar. Johanna verließ das Gymnasium nach der 10. Klasse und orientierte sich erst einmal neu während eines Freiwilligen Ökologischen Jahrs auf einem Biohof. Schließlich entschloss sie sich dazu, zur Schule zurückzukehren. Ihre Wahl fiel auf eine Waldorfschule, die parallel zum Abitur Berufsausbildungen in den Bereichen Elektro, Metall und Holz anbot. Johanna Röh entschied sich für den Holz-Bereich. Eher zufällig kam sie so zur Tischlerei – und merkte bald, dass sie im Umgang mit Holz ihre Berufung gefunden hatte.

Dass sie mit dieser Berufswahl nicht den gängigen Klischees über Frauen und Beruf entsprach, wurde ihr erst so richtig bei ihrem ersten Arbeitgeber nach der Ausbildung bewusst. Während ihre Mit-Auszubildenden knapp zur Hälfte Frauen waren, war sie nun allein unter Männern und hatte den Eindruck, dass ihr nicht das gleiche zugetraut wurde, wie ihren Kollegen, dass sie sich in stärkerem Maße beweisen musste.

Doch die Rollenbilder waren für sie nicht neu, die kannte sie auch schon aus der Zeit ihrer Ausbildung: „Klischees wurden von Jungen und Mädchen gelebt“, sagt Röh rückblickend, zum Beispiel, wenn junge Frauen von vornherein glaubten, etwas nicht zu können und sich damit in die zweite Reihe stellten. „Das hat sich im Laufe der Ausbildung geändert, die Mädchen bekamen mehr Selbstvertrauen“, sagt sie. Der Holz-Bereich galt unter den männlichen Azubis aus den Metall- und Elektroberufen trotzdem als „Mädchenbereich“.

Johanna Röh ließ sich jedoch nicht aufhalten. Als Freireisende Gesellin ging sie auf eine vierjährige Walz, die sie unter anderem nach Kanada, Neuseeland und Japan führte. Die Wanderschaft prägte die junge Tischlerin: Sie lernte nicht nur fachlich sehr viel dazu, sie profitierte auch persönlich von den Begegnungen mit den unterschiedlichen Menschen und Kulturen. Dazu gehörten auch Kolleginnen und Kollegen und Vorgesetzte, die Johanna unterstützten und ihr aus ihren eigenen Rollenbildern heraushalfen. Das „innere Wachstum“, das sie erfahren habe, „ohne sich dagegen wehren zu können“, wie sie sagt, ermöglicht ihr heute, so zu arbeiten wie sie es tut.

Doch es gab auch Schatten. Eine Stelle zu finden war für die heute 33-Jährige oftmals schwieriger als für die Gesellen, mit denen sie reiste oder die sie unterwegs traf. Sie wurde „heftiger“ beobachtet, ihre Fehler stärker kritisiert und so manches Mal fühlte sie sich ins Abseits gedrängt. Die ersten zwei bis drei Wochen im Betrieb musste sie sich in allen Ländern erst einmal durchbeißen, bevor sie den Respekt der Kollegen erhielt.

Dabei seien die Klischees gegenüber Frauen im Tischlerhandwerk von Land zu Land unterschiedlich, erklärt Johanna Röh. Während in Kanada zum Beispiel Frauen durchaus technisches Verständnis zugesprochen würde, würden sie körperlich als schwach angesehen. In Neuseeland sei es genau umgekehrt. In Japan gibt es bisher nur sehr wenige Tischlerinnen, die betriebsübergreifenden Gesprächsstoff böten. Frauen würde häufig nicht zugetraut, dem Arbeitsleben standzuhalten.

Vorurteile sind wie ein Hintergrundrauschen, das einem einflüstert, wer man doch ist oder sein sollte, was man doch eigentlich kann oder nicht kann, was einen interessiert oder nicht interessiert.

Johanna Röh

Für Johanna Röh ist seit diesen Erfahrungen klar, dass Geschlechterbilder menschengemacht und damit veränderbar sind. Unsere Sicht auf die Geschlechter müsse sich ändern, nicht nur im Handwerk. „Vorurteile sind wie ein Hintergrundrauschen, das einem einflüstert, wer man doch ist oder sein sollte, was man doch eigentlich kann oder nicht kann, was einen interessiert oder nicht interessiert“, schreibt Johanna Röh über ihre Walz auf ihrem Instagram-Account. „Das Resultat dieser Stimmen von außen ist, dass man seine eigene Stimme nicht mehr hört.“

Frauen, die sich für das Tischler-Handwerk interessieren, rät sie, ihr eigenes Selbstverständnis zu reflektieren und ihr eigenes verinnerlichtes Rollendenken abzulegen. Wichtig sei es auch, sich den Machtstrukturen im Betrieb nicht völlig unterzuordnen. Dafür brauche es eine Portion Durchhaltevermögen. Heute ist Johanna Röh ein Vorbild für viele andere Frauen. Auch das ist eine Erfahrung aus der Zeit der Walz: Sie, die Lernende, wurde damals schon zum Rollenmodell für weibliche Auszubildende, hat gezeigt, dass Frauen im Handwerk erfolgreich sein können.

In ihren Augen müsste auch in der Meisterausbildung der Blick geweitet werden. Frauen als Vorbilder kommen im Lehrmaterial kaum vor, im Gegenteil, es werden bestehende Stereotype reproduziert. Johanna erinnert sich beispielsweise an eine Prüfungsfrage nach der Zuständigkeit der Meisterfrau im Betrieb. Einen Meisterinnenmann gab es dagegen nicht, auch nicht eine Meisterfrau mit einem eigenen Beruf.

Das Ausbilden gehört für die Tischlerin zum Handwerk dazu. Johanna Röh hat sich bewusst dafür entschieden, andere in ihrem Beruf auszubilden. Darüber hinaus können Interessierte, auch wechselwillige Berufserfahrene oder Studierende, bei ihr ein Praktikum absolvieren, wenn es die Kundenprojekte erlauben.

Ihr Ziel ist es, anders auszubilden, als das klassischerweise noch in vielen Handwerksbetrieben passiert: „In der Ausbildung müssen wir jungen Menschen auf Augenhöhe begegnen und ihnen die Möglichkeit geben, sich fachlich zu entwickeln“, erklärt Johanna ihren Ansatz. „Das alte Hierarchiedenken, das Machtgerangel, das es in den Handwerksbetrieben noch häufig gibt, und die Klischees sollten wir ablegen. Stattdessen wäre es am besten, wenn wir, egal ob Frau oder Mann, ob Azubi, Geselle oder Meisterin, einfach ein lernwilliges, produktives Zusammenarbeiten in der Sache anstreben.“ Machtstrukturen trügen dazu bei, dass sich Auszubildende nicht trauten, etwas zu fragen, weil sie ganz unten in der Hierarchie stünden, ist Johanna Röh überzeugt. „Machtgerangel kostet Energie, die wir besser unserer Arbeit widmen. Denn wir erledigen unsere Aufgaben als Mensch und nicht als Frau oder Mann.“

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