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Der Digital Gender Gap

In der Bevölkerung sind digitale Kompetenzen ungleich verteilt. Wie kompetent jemand mit Internet, Computer & Co. umgehen kann, hängt neben Alter, Bildungsgrad und beruflicher Stellung auch vom Geschlecht ab. Ein Einblick.

Der Digital Gender Gap

Internationale Studien wie Bridging the Gender Divide der OECD1 oder I’d blush if i could. Closing Gender Devides in Digital Skills through Education der UNESCO2 stellen fest, dass Frauen weltweit nicht im gleichen Maße an der Digitalisierung teilhaben und über weniger Kompetenzen verfügen als Männer. Zudem streben sie seltener ein Studium mit IT-Bezug an als Männer – mit Ausnahme einiger arabischer Länder mit einem fast ausgeglichenen Verhältnis.

Im Digital Index, einer jährlich erscheinenden Studie zum Digitalisierungsgrad der deutschen Bevölkerung, werden unter anderem die so genannten „digital Abseitsstehenden“ und die „digitalen Vorreiter“ beschrieben. Frauen fallen überdurchschnittlich häufig in die erste Gruppe, Männer in die zweite.3

Dabei gelten digitale Kompetenzen unbestritten als notwendig, um weiterhin gesellschaftlich teilhaben und auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Es geht nicht nur um Anwendungskenntnisse, sondern vor allem auch um die Gestaltung, den Umgang mit und die Einordnung neuer Produkte, Technologien oder Informationen. Nur digital kompetente Menschen, Männer wie Frauen, können dies leisten.

Dies veranlasste die Initiative D21 dazu, genauer hinzusehen: Die Sonderauswertung Digital Gender Gap. Lagebild zu Gender(un)gleichheiten in der digitalisierten Welt zeichnet ein weit facettenreicheres Bild, als es auf den ersten Blick scheint.4 Alter und Bildungsgrad tragen ebenso zu Kompetenzunterschieden bei wie der ausgeübte Beruf und die Hierarchieebene.

Zugang zum Internet

Wie sehen einzelne Aspekte des digitalen Lebens genau aus? Eine große Mehrheit von 91 Prozent der Deutschen hat zu Hause einen Internetanschluss, 82 Prozent gehen mobil online. Der mobile Anteil steigt seit Jahren und nähert sich immer mehr dem allgemeinen Anteil an. Je höher der Bildungsgrad und je jünger die Menschen, desto mehr wird das Internet genutzt. Dies wirkt sich auf die Geschlechterverteilung aus. 88 Prozent der Frauen und 94 Prozent der Männer nutzten 2021 das Internet. Die Quote der Offliner fiel erstmals unter 10 Prozent. Sie sind zu 70 Prozent weiblich, verfügen zu 76 Prozent über einen niedrigen Bildungsabschluss (kein Abschluss oder Volks-/Hauptschule) und fast die Hälfte wurde 1945 oder früher geboren. Menschen mit hoher Bildung sind so gut wie alle online (98 Prozent).5

Bedingt durch die Corona-Pandemie hat die Nutzung digitaler Anwendungen und Dienste stark zugenommen. Für Unterschiede sorgen auch hier das Alter und der Bildungsgrad, weniger jedoch das Geschlecht.6

Kompetenzunterschiede

Aus den Daten der Sonderauswertung des Digitalindex zum Digital Gender Gap geht über alle Altersklassen und unabhängig vom beruflichen Status ein Vorsprung für Männer bei den digitalen Kompetenzen hervor. Lediglich beim Übertragen von Dateien von einem auf ein anderes Gerät liegen beide Geschlechter gleich auf. 93 Prozent der Befragten sagen von sich, sie verfügten über diese Kompetenz. Jeweils 83 Prozent geben an, zu wissen, was eine Cloud ist. In nahezu allen anderen Bereichen schätzen Männer ihre Kompetenz höher ein als Frauen.7

Die Zahlen des Digitalindex basieren zum Teil auf Selbsteinschätzungen. Dass Frauen dazu tendieren, ihr Können zu unterschätzen, während Männer ihres eher überschätzen, ist aus anderen Studien bekannt, die Autorinnen der Digital-Gender-Gap-Studie weisen darauf hin. Dies muss bei der Interpretation der Zahlen mitgedacht werden.

Dennoch erreichen junge Frauen bis 24 Jahre im Schnitt mehr Indexpunkte8 (62) im Subindex „Kompetenz“ als Männer zwischen 45 und 65 Jahren (55). Frauen mit qualifizierter Tätigkeit erreichen einen höheren Indexwert (55) als Männer mit Lehre bzw. Ausbildung (49)9

Der Digital Index
Der Digital Index und seine Bestandteile
Digitale Gesellschaft
Die digitale Gesellschaft
Formen der Wissensaneignung
Formen der Wissensaneignung

Betrachtet man das Interesse, die eigenen Kompetenzen auszubauen, zeigen Männer sich im direkten Vergleich mit den Frauen in allen Gruppen aufgeschlossener. Auch hier machen Status und Alter einen Unterschied: 55 Prozent der Frauen mit qualifizierten Tätigkeiten sind daran interessiert, ihr Wissen im Bereich Computer, Internet und Digitales auszubauen, aber nur 49 Prozent der Männer zwischen 45 und 65 Jahren. Das gleiche gilt für 57 Prozent der vollzeitbeschäftigten Frauen, aber nur für 45 Prozent der Männer, die einfache Tätigkeiten ausüben.

Zu den Unterschieden trägt auch das Berufswahlverhalten der Geschlechter bei. In weiblich dominierten sozialen und Gesundheitsberufen spielt die Digitalisierung (noch) keine so große Rolle wie in den männlich dominierten technisch-gewerblichen Berufen.

Schülerinnen sind besser!

Spannend ist, dass Mädchen in der Schule häufig digital kompetenter sind als Jungen. Die International Computer and Information Literacy Study (ICILS) aus dem Jahr 2018 weist für Achtklässlerinnen und Achtklässler einen Kompetenzvorsprung der Mädchen von 16 Punkten gegenüber den Jungen nach.10 Untersuchte Kompetenzfelder sind das Wissen über Computernutzung, das Sammeln von Informationen, das Erzeugen von Informationen und die digitale Kommunikation, das entspricht in etwa den Kompetenzbereichen „Informations- und Datenkompetenz“, „Gestalten und Erzeugen digitaler Inhalte“ und „Kommunikation und Kollaboration“ des europäischen DigComp-Referenzrahmens. Trotzdem, auch das geht aus den Studiendaten hervor, halten sich Mädchen nicht für so kompetent, Jungen überschätzen dagegen ihr Können eher. Insbesondere fällt auf, dass Mädchen eine kritischere Haltung gegenüber digitalen Anwendungen einnehmen als Jungen. Dies könnte letztlich erklären, warum sich nur rund ein Drittel der Achtklässlerinnen einen Beruf oder ein Studium mit IT-Bezug vorstellen, jedoch zwei Drittel der Jungen.11

Wie kann der Digital Gender Gap verringert werden?

Dieser digitale Facettenreichtum in der Bevölkerung erfordert, dass in Bildung und Weiterbildung in viel stärkerem Maße mit zielgruppenspezifischen Angeboten auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der einzelnen Gruppen reagiert werden sollte. Schon in der Schule sollte, so empfehlen es Expertinnen und Experten, die Selbstwirksamkeit von Mädchen gestärkt werden. Rechnet man den Einfluss der unterschiedlich empfundenen Selbstwirksamkeit im Umgang mit digitalen Medien heraus, halbiere sich der auf das Geschlecht zurückzuführende Kompetenzunterschied nahezu, heißt es in der ICILS-Studie. Es sei daher perspektivisch wichtig, die Selbstwirksamkeit der Schülerinnen und Schüler in Bezug auf den kompetenten Umgang mit digitalen Medien systematisch zu fördern, so die Autorinnen und Autoren weiter. Der Selbstwirksamkeit widmet sich ein eigener Beitrag in diesem Dossier.

Weiterbildungsangebote gelten für Berufstätige als Mittel zur Verbesserung der digitalen Kompetenzen. Doch auch hier zeigen sich Gender Gaps, denn von Weiterbildungen profitieren in Teilzeit beschäftigte Frauen am wenigsten, die wiederum unter den berufstätigen Frauen etwa die Hälfte ausmachen.12 Frauen finanzieren ihre Fortbildungen infolgedessen eher selbst als Männer.13 Im Vergleich schätzen niedrig gebildete Männer ihre Wissensaneignungskompetenz gleich ein wie mittel/hoch gebildete Frauen.14

Fazit

Mädchen und Frauen holen in den digitalen Kompetenzen auf, und jüngere Menschen sind insgesamt kompetenter als ältere. Dennoch liegt in der Verbesserung der digitalen Kompetenzen insbesondere der Frauen eine Herausforderung für die Zukunft, sowohl in der Schule als auch im Arbeitskontext.

  • 1

    Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) (Hrsg.): Bridging the Digital Gender Divide. 2018, S. 22ff, S. 55.

  • 2

    EQUALS and UNESCO (Hrsg.): I’d blush if I could. Closing Gender Divides in Digital Skills through Education. 2019, S. 15ff.

  • 3

    Initiative D21 (Hrsg.): Digital Gender Gap. Lagebild zu Gender(un)gleichheiten in der digitalisierten Welt. Berlin 2020, S. 8.

  • 4

    Ebd.

  • 5

    Initiative D21 (Hrsg.): Digital-Index 2021/2022 – Jährliches Lagebild zur digitalen Gesellschaft. Berlin 2022, S. 14ff.

  • 6

    Ebd.

  • 7

    Digital Gender Gap, S. 11ff.

  • 8

    „Der Digital-Index bündelt in einer einzigen Kennzahl die bereits vorgestellten vier Subindizes Zugang, Nutzungsverhalten, Kompetenz und Offenheit. Die Indexwerte rangieren zwischen 0 und 100, dabei fließt jeder Subindex mit einem unterschiedlichen Gewicht in die Gesamtberechnung ein. So erhalten die Nutzungs- und Offenheitsdimension ein geringeres Gewicht.“ Digital-Index 2021/22, S. 13.

  • 9

    Ebd. S. 10.

  • 10

    Computer- und informationsbezogene Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern im zweiten internationalen Vergleich und Kompetenzen im Bereich Computational Thinking (ICILS), Münster 2019, S. 279.

  • 11

    ICILS, S. 288–297.

  • 12

    Digital Gender Gap, S. 18.

  • 13

    Ebd., S. 29. Zur Weiterbildung auch: Rüber, Ina E.; Widany, Sarah: Gleichstellung durch Weiterbildung in einer digitalisierten Gesellschaft. Expertise für den Dritten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, S. 20–26.

  • 14

    Digital Gender Gap, S. 29.

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