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Was kommt da noch? Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt

Die Arbeitswelt ist längst digital. Niemand dürfte heute noch freiwillig mit Schreibmaschine und Durchschlagspapier arbeiten. Und die Entwicklung geht weiter. Neben der Vernetzung prägen zwei Schlagwörter die Debatte: Flexibilisierung und Substituierung. Was bedeuten sie für Männer und Frauen?

Was kommt da noch? Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt

Unser Leben ist bereits jetzt ziemlich digital. Wir stecken mitten drin im digitalen Umgestaltungsprozess, oft, ohne es zu merken. Aus Mechanikerinnen und Mechanikern sind schon vor Jahren Mechatronikerinnen und Mechatroniker geworden, denn Autos, Heizungsanlagen oder Druckmaschinen enthalten so viel Elektronik, dass Fachkräfte in Werkstätten und Produktionsanlagen ohne entsprechendes Wissen nicht mehr arbeitsfähig wären. Lehrkräfte schreiben und projizieren auf internetfähigen Smartboards, Mitarbeitende in der Gastronomie nutzen integrierte Bestell- und Kassensysteme, über die die Bestellungen direkt in der Küche und anschließend in der Kasse landen. 

Durch diese Prozesse vereinfachen und beschleunigen sich Abläufe, Geräte teilen uns Fehler und Statusmeldungen mit und können wie zum Beispiel bei Heizungsanlagen aus der Ferne gewartet werden. Für Angestellte ist das Arbeiten nicht mehr zwingend an ein Büro mit festen Bürozeiten gebunden. Vieles wird flexibler, schneller, vernetzter. Aber kann die Technik auch Menschen ersetzen? Welche Bedeutung haben Arbeitszeit und Arbeitsort noch? Wirken diese Entwicklungen auf Männer und Frauen unterschiedlich? 

Flexibilität 

Flexibilität ist laut der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) DAS Schlagwort der Diskussion um die Arbeitszeit und steht im direkten Zusammenhang mit der Digitalisierung der Arbeit.1 Flexibilität wird unterschiedlich verstanden. Viele Beschäftigte sehen Vorteile darin, Arbeit und Privates besser zu vereinbaren. Die Möglichkeit, flexibel von zu Hause aus zu arbeiten, macht es möglich, die Arbeit zu unterbrechen, um sich zum Beispiel am frühen Nachmittag um die Kinder zu kümmern oder leichter Arzttermine wahrzunehmen. Sie ermöglicht es, auch abends noch zu arbeiten, wenn die Kinder im Bett sind. Flexibilität bei der Arbeit steigert insgesamt die Zufriedenheit der Mitarbeitenden. Bei Müttern führt sie sogar zu einem Anstieg der vertraglichen Arbeitszeit und zu mehr Gehalt.2

Doch Flexibilität hat das Potenzial, die klare Trennung von Arbeit und Privatleben aufzuweichen. Vielerorts lässt sich eine Entgrenzung der Arbeit beobachten. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nutzen Tagesrandzeiten oder das Wochenende, um ihre Aufgaben zu erledigen. Unterschiede gibt es zwischen Personen mit und ohne Kinder, sowie zwischen Müttern und Vätern. Bei kinderlosen Beschäftigten wurde beobachtet, dass sie im Homeoffice mehr unbezahlte Überstunden leisten. Mütter investieren die gewonnene Zeit eher in die Betreuung der Kinder. Väter dagegen nutzen das flexible Arbeiten, um mehr zu arbeiten und ihre Karriere voranzutreiben.3

Für Unternehmen bedeutet Flexibilität häufig, dass Mitarbeitende stets erreichbar sind und auch außerhalb der klassischen Arbeitszeit zur Verfügung stehen. Insbesondere global agierende Unternehmen sind auf Flexibilität angewiesen, wenn zum Beispiel Teams über Kontinente hinweg zusammenarbeiten sollen. 

Dies ist mehrheitlich nicht im Sinne der Beschäftigten. Drei Viertel der Befragten einer Studie der BAuA finden die Trennung von Arbeit und Privatleben wichtig bis sehr wichtig.4

Die Corona-Pandemie und ihr Digitalisierungsschub haben zu mehr Flexibilität für mehr Menschen geführt. Hier zeigen Studien, dass insbesondere Mütter flexibel mit ihrer Arbeitszeit umgegangen sind, um die Kinderbetreuung übernehmen zu können. Auch Väter haben sich im Vergleich zu 2019 stärker in der Familie engagiert, jedoch längst nicht in dem Maße, wie flexibles Arbeiten es ihnen ermöglichen könnte. 

Chancen einer digitalen und flexiblen Arbeitswelt 

Die Arbeitszeiten der Zukunft werden flexibel und menschengerecht sein, sagt die BAuA. Globalisierung und Digitalisierung sind Treiberinnen der Flexibilisierung. Ein gesellschaftlicher Wertewandel, in dem die Arbeit vielfach nicht mehr das wichtigste im Leben ist, bildet ein Gegengewicht dazu, sind die Forschenden überzeugt.5

Wenn die Flexibilisierung der Arbeit einen Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit leisten soll – und das könnte sie – sind auch die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber gefragt. Sie sollten auf der einen Seite darauf achten, dass Homeoffice nicht zu permanenter Mehrarbeit führt, weder für Kinderlose, noch für Väter. Vielmehr sollten Unternehmen die Chancen hinsichtlich der Vereinbarkeit von Beruf und Sorgeverpflichtungen nutzen, die die Flexibilisierung ihnen und den Beschäftigten bietet und ihre Unternehmenskultur weiterentwickeln. Dann wäre flexibles Arbeiten auch gleichberechtigtes Arbeiten. 

Substituierungspotenziale: Erledigen Maschinen bald die Arbeit? 

Neben der Flexibilisierung von Arbeitsort und -zeit spielen auch Roboter eine Rolle in der Debatte um die Arbeitswelt der Zukunft. Machen Sie Menschen überflüssig? Und wenn ja, in welchen Bereichen? Tests mit autonom fahrenden Lieferrobotern oder sogenannten „Pflegerobotern“ weisen in diese Richtung, denn schon heute könnten Roboter dem Menschen einfache Aufgaben abnehmen. 

Ob und inwiefern Menschen langfristig durch Maschinen ersetzt werden können, dazu gibt es verschiedene Zukunftsszenarien. Es kommt auf den jeweiligen Beruf und das Anforderungsniveau an. Grob lässt sich sagen, dass hauptsächlich von Männern ausgeübte Tätigkeiten aktuell über alle Anforderungsniveaus eher von Maschinen ersetzt werden könnten als überwiegend von Frauen ausgeübte. Auf dem Niveau der Anlernberufe hätten 2016 bereits 67 Prozent der Männer und 49 Prozent der Frauen durch Technik ersetzt werden können. Der Abstand zwischen den Geschlechtern wird mit jeder Kompetenzstufe geringer, bei Expertinnen und Experten beträgt er nur noch 5 Prozentpunkte. Je höher die Qualifikation, desto wichtiger ist der Mensch in dem Beruf.6 Betrachtet man rein die Hierarchieebenen, liegen Männer und Frauen gleich auf: Knapp 30 Prozent der Tätigkeiten von Führungskräften könnten durch Technik ersetzt werden. 

Unterschiede zeigen sich wieder bezogen auf verschiedene Branchen. Frauen weisen ein höheres Substituierbarkeitspotenzial im Bereich Unternehmensführung und -organisation auf (63 Prozent zu 47 Prozent). Sie arbeiten in diesem Bereich vor allem als Sekretärinnen oder Kauffrauen für Bürokommunikation, deren Tätigkeiten potenziell eher ersetzt werden können. Männer sind dagegen in der Landwirtschaft stärker betroffen (48 Prozent zu 35 Prozent), auch hier trägt die geschlechtsspezifische Berufswahl dazu bei. Männer arbeiten häufiger als Gärtner oder Landwirt, Frauen eher als Pferdewirtin, Zootierpflegerin oder Floristin, Tätigkeiten, die nur schwer von Maschinen übernommen werden können.7

„Man muss sich die einzelnen Berufe nach Anforderungsniveau und Tätigkeitsprofil ganz genau ansehen, um konkrete Aussagen darüber treffen zu können, wie stark die Berufe (und die in diesen Berufen beschäftigten Männer und Frauen) von der Digitalisierung betroffen sind.“, heißt es in der Expertise „Gleichstellung durch Weiterbildung in einer digitalisierten Gesellschaft“ zum Dritten Gleichstellungsbericht.8 Die Aussage, Frauen seien weniger von Digitalisierungsprozessen betroffen als Männer, sei zu einfach.9

Tätigkeitsbilder werden sich im Laufe der Digitalisierung weiterentwickeln und anpassen, neue Berufsbilder entstehen. Angesichts des demografischen Wandels droht dem Arbeitsmarkt insgesamt eher ein Mangel an Arbeitskräften als eine hohe Arbeitslosigkeit durch Substitution.10

  • 1

    „Arbeitszeiten der Zukunft. Flexibel um jeden Preis? Eine Web-Dokumentation der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. https://doku-arbeitswelten.baua.de, abgerufen am 24.08.2022.

  • 2

    Seyda, Dr. Susanne; Flake, Dr. Regina: Chancengleichheit und Digitalisierung. Frauen und Männer in der digitalen Arbeitswelt. KOFA-Studie 4/2019, S. 16.

  • 3

    Ebd., S. 16.

  • 4

    „Arbeitszeiten der Zukunft".

  • 5

    Ebd.

  • 6

    Dengler, Katharina; Matthes, Britta: Substituierbarkeitspotenziale von Berufen und die möglichen Folgen für die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt. Expertise zum 3. Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, S. 23f.

  • 7

    Ebd. S. 24f.

  • 8

    Rüber, Ina E.; Widany, Sarah: Gleichstellung durch Weiterbildung in einer digitalisierten Gesellschaft. Expertise zum 3. Gleichstellungsbericht, S. 27.

  • 9

    Ebd.

  • 10

    Vgl. dazu Maier, Dr. Tobias et.al.: BIBB Report 2/2022 „Es wird knapp“, S. 6: „Die Zahl der Erwerbstätigen sinkt von 44,92 Millionen in 2021 auf 44,26 Millionen in 2040 (-660.000 Personen). Dies bedeutet, dass langfristig weiterhin gute Chancen für Erwerbspersonen auf dem Arbeitsmarkt bestehen.“

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