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Ausbildung 4.0: Lernen für die Arbeitswelt von morgen

Eine Berufsausbildung zielt darauf ab, junge Menschen auf ihr späteres Arbeitsleben vorzubereiten. Welche digitalen Kompetenzen benötigen junge Menschen, um darin erfolgreich bestehen zu können? Und sind Ausbildende und Lehrkräfte überhaupt gerüstet für die Ausbildung 4.0?

Ausbildung 4.0: Lernen für die Arbeitswelt von morgen

In der Berufsausbildung hat das Schlagwort „Digitalisierung“ zwei Seiten. Zum einen müssen Auszubildende auf die Anforderungen ihres Berufes in einer stetig digitaler werdenden Arbeitswelt möglichst gut vorbereitet sein. Berufsbilder wandeln sich schnell und entwickeln sich weiter. Zum anderen verändert die Digitalisierung die Wissensvermittlung fundamental, indem sie neue pädagogische Möglichkeiten für den Lehr- und Lernprozess und das Selbstverständnis der Ausbildenden und Lehrenden bietet.

Wie sehen Auszubildende ihre Ausbildung im Hinblick auf digitale Kompetenzen? Der DGB Ausbildungsreport 2019 mit dem Schwerpunktthema „Digitalisierung“ hat darauf Antworten gefunden1

  • 80 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Digitalisierung für ihren Beruf wichtig bis sehr wichtig ist. 
  • Die meisten fühlen sich durch ihre Ausbildung gut auf die Anforderungen der Zukunft vorbereitet, wobei allerdings nur rund ein Fünftel diese Frage mit einem eindeutigen Ja beantwortet. 
  • Für fast die Hälfte der Befragten ist es eine Zustimmung mit Einschränkung („eher ja“) und fast 30 Prozent fühlen sich eher nicht oder nicht gut vorbereitet. 

Die Betriebe werden dabei besser bewertet als die Berufsschulen. Aus Sicht der Auszubildenden besteht also Handlungsbedarf in der beruflichen Bildung.

Voraussetzungen: Qualifikation des Bildungspersonals und technische Ausstattung 

Eine gute Ausbildung für die digitalisierte Wirtschaft („Wirtschaft 4.0“) setzt voraus, dass das Bildungspersonal selbst entsprechend qualifiziert ist. Laut einer Erhebung des vom Bundesbildungsministerium finanzierten Netzwerks Q 4.0, einer Qualifizierungsinitiative für Ausbilderinnen und Ausbilder, haben erst 30 Prozent der ausbildenden Unternehmen das Niveau der „Ausbildung 4.0“ erreicht. 47 Prozent der Betriebe stehen bereits ganz gut da, 23 Prozent der Unternehmen gelten jedoch als „digitale Nachzügler“, hier ist der Qualifikationsbedarf am höchsten.Im Netzwerk 4.0 erarbeitet das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) gemeinsam mit den Bildungswerken der Wirtschaft Qualifizierungsangebote für das Ausbildungspersonal. 

Ebenfalls auf die Weiterbildung der Ausbilderinnen und Ausbilder setzt das vom Bundesbildungsministerium finanzierte und vom Bundesinstitut für Berufsbildung umgesetzte Projekt MIKA (Medien- und IT-Kompetenz für Ausbildungspersonal). Es unterstützt das Ausbildungspersonal dabei, digitale Medien in der betrieblichen Ausbildung regelmäßig einzusetzen. Die dafür notwendigen Kompetenzen werden im Rahmen des Projekts in Seminaren und seit Mai 2022 auch auf dem digitalen „MIKA-Campus“ vermittelt.

Ausbilderinnen und Ausbilder nutzen besonders gerne interaktive Lehrmittel wie Online-Seminare oder virtuelle Klassenzimmer (63 Prozent), Lernvideos und Podcasts (57 Prozent) oder Wissensbibliotheken (55 Prozent). Dies ergab eine repräsentative Befragung innerhalb der IW-Personalpanels im Sommer 2021.3 Unternehmen, die digitalen Medien besonders aufgeschlossen gegenüberstehen, erkennen in ihrer Nutzung eher Vorteile für Auszubildende und Ausbildungspersonal als die, die digitalen Medien tendenziell skeptisch gegenüberstehen. So sei die Motivation der Auszubildenden höher, wenn sie mit digitalen Medien arbeiten könnten, sie erleichterten bestimmten Auszubildenden den Einstieg ins Arbeitsleben und entlasteten das Ausbildungspersonal.

Viele Ausbilderinnen und Ausbilder und vor allem Berufsschullehrkräfte empfinden den Einsatz digitaler Lehrmittel jedoch nicht als entlastend. Sie äußern in der Befragung im Rahmen des Netzwerks Q 4.0 einen höheren Zeitbedarf und dadurch Arbeitsverdichtung – was sowohl ein Hinweis auf ausbaufähige Kompetenzen im Umgang mit diesen Medien, auf fehlende Lehrpläne oder Konzepte als auch auf mangelnde zeitliche Ressourcen im herausfordernden Arbeitsalltag von Lehrkräften sein könnte.6 Den höchsten Weiterbildungsbedarf sieht das Ausbildungspersonal in der Vermittlung digitaler fachspezifischer Inhalte. Lehrkräfte dagegen fordern mehr Unterstützung auf der didaktischen Seite für den Einsatz digitaler Lernmedien im Unterricht.7 Ungeachtet dessen nutzen Berufsschullehrkräfte digitale Medien schon häufig im Unterricht. In einer Studie aus dem Jahr 2018 gaben 55 Prozent der Lehrkräfte in gewerblich-technischen Fächern an, digitale Medien regelmäßig zu verwenden. Nur 13 Prozent setzten selten oder nie Computer & Co. ein.

Das für Berufsschulen drängendere Problem ist jedoch ihre technische Ausstattung.9 Die Corona-Pandemie hat der Digitalisierung der Schulen zwar Vorschub geleistet, doch ein WLAN-Anschluss ist noch immer keine Selbstverständlichkeit in allen Klassenräumen. Notebooks oder Smartboards sind durchaus vorhanden, doch erschwert das fehlende WLAN den Einsatz zum Beispiel webbasierter Anwendungen oder unterschiedlicher Endgeräte mit einzelnen Arbeitsergebnissen, die auf einen Bildschirm projiziert werden. So können didaktische Konzepte für den Einsatz digitaler Lehrmittel häufig nur unzureichend umgesetzt werden. Hier besteht offensichtlicher Handlungsbedarf, denn Schulen müssen mit den Ausbildungsbetrieben technisch auf gleicher Höhe sein, um gleichermaßen Kompetenzen vermitteln zu können.10 

Digitale Kompetenzen in Schule und Ausbildung: Neue Inhalte – veränderte Rolle

In der  „Ausbildung 4.0“ geht die Vermittlung digitaler Kompetenzen Hand in Hand mit der der fachlichen Kompetenzen. Zu den digitalen Kompetenzen gehört der Umgang mit berufsspezifischer Software ebenso wie die Entwicklung eines Verständnisses für Datenschutz und Datensicherheit, Problemlösungskompetenz und ein Prozess- und Systemverständnis. Letzteres befähigt die Auszubildenden, die Zusammenhänge und Auswirkungen einzelner Tätigkeiten, aber auch digital gesteuerter Prozesse im Gesamtgefüge des Unternehmens zu verstehen.11 Auch Selbst- und Sozialkompetenz werden immer wichtiger, denn die Arbeit in Projektteams oder abteilungs-, niederlassungs- oder gar Kontinente übergreifend nimmt zu.12 Ausbilderinnen und Ausbilder haben eine veränderte Rolle: sie werden zunehmend zu Begleiterinnen und Begleitern, unterstützen selbstgesteuertes Lernen im Rahmen von Projekten, coachen mehr als dass sie von oben herab bestimmen. 

Betrieb und Berufsschule ergänzen sich bei der Kompetenzvermittlung: Während die Unternehmen schwerpunktmäßig praktische Kompetenzen vermitteln, zum Beispiel die Anwendung spezifischer Software, geht es in der Berufsschule vielmehr um Methodenkompetenzen wie beispielsweise Recherchen oder Bewertung von Informationen.13 

Die neuen Standardberufsbildpositionen

Seit August 2021 gelten für alle Ausbildungsberufe neue sogenannte Standardberufsbildpositionen. Dies sind Kompetenzfelder, die in allen Ausbildungsberufen gleichermaßen vermittelt werden. Darunter ist neu die Position „Digitalisierte Arbeitswelt“, die für eine Basisqualifikation aller Auszubildenden in allen Berufen im Hinblick auf digitale Kompetenzen sorgen soll.

Erläuterungen zu den modernisierten Standardberufsbildpositionen (Bundesinstitut für Berufsbildung)

Vernetzung und Lernortkooperationen 

Besonders gute Potenziale hat digitale Technik für die Verbesserung der Lernortkooperationen. Während es in der Vergangenheit nur selten eine aktive Abstimmung von Lerninhalten zwischen Betrieb und Berufsschule oder Überbetrieblichen Berufsbildungsstätten (ÜBS) gab, bieten vernetzte Technik oder Plattformen diese Möglichkeit durchaus. Die zweite Studie aus der Netzwerk-Q 4.0-Reihe ergab, dass nur etwa die Hälfte der Befragten damit zufrieden ist, wie ihre Lernortkooperationen funktionieren.14 Durch digitale Vernetzung bzw. den Einsatz von Videokonferenzen oder Austauschplattformen würden zum Beispiel gemeinsame Weiterbildungen oder andere Austauschformate für Berufsschullehrkräfte und Ausbildungspersonal möglich, was zu einer Verbesserung der Kooperation und letztlich zu einer Verbesserung der Ausbildungsqualität führen kann.15

Digitalisierung und schulische Berufsausbildung: Das Beispiel der Erzieher*innen-Ausbildung 

Neben der dualen Ausbildung führen auch schulische Ausbildungswege in den Beruf. In Fachschulen werden Auszubildende insbesondere in den landesrechtlich geregelten Berufen im Sozial- und Gesundheitswesen ausgebildet. Beispielhaft wird hier auf die Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern eingegangen.16

Während an Berufsschulen und in Ausbildungsbetrieben des dualen Systems die Notwendigkeit der digitalen Bildung erkannt und ihre Umsetzung bereits angegangen wird, ist dies in der Frühkindlichen Bildung noch nicht der Fall. Pädagogische Fachkräfte zeigen sich in ihrem Arbeitsalltag häufig eher ablehnend gegenüber dem Einsatz digitaler Medien im Kita-Alltag. 

Nach der Studie Digitale Medienbildung in Grundschule und Kindergarten des Allensbach-Instituts, für die neben Eltern und Grundschullehrkräften auch Erzieherinnen und Erzieher befragt wurden, sind 75 Prozent der befragten Erzieherinnen und Erzieher der Meinung, dass sich Kinder nicht auch noch in der Kita mit digitalen Medien beschäftigen sollten, da sie dies außerhalb schon in ausreichendem Maße täten. Nur 13 Prozent der Fachkräfte halten Medienerziehung überhaupt für einen Teil ihrer Aufgaben. (Sie sind sich in dieser Einschätzung mit Eltern und Grundschullehrkräften einig: Nur 14 Prozent der Eltern und 12 Prozent der Grundschullehrkräfte sind der Meinung, dass erste Schritte im Umgang mit digitalen Medien bereits im Kindergarten vermittelt werden sollten.) 

Diese Ergebnisse korrespondieren mit der Analyse des Bildungsberichts „Bildung in Deutschland“. Demnach sehen nur 7 Prozent der in Deutschland befragten Fachkräfte die Vermittlung digitaler Kompetenzen als sehr wichtig im Kindergarten an. International hinkt Deutschland hier hinterher.17 Als Gründe geben die Befragten an, die Kinder würden überfordert und von anderen wichtigen pädagogischen Angeboten abgelenkt.18 Die Arbeit mit den Kindern gilt vielen Fachkräften also als digital-frei, während für Büro, Dokumentation oder Platzvergabe selbstverständlich digitale Anwendungen genutzt werden.19 Dabei böte auch die Kita schon die Chance, Kinder konstruktiv und altersgemäß in der Nutzung digitaler Medien zu begleiten, die über das passive Konsumieren hinausgeht, um sie zu einem kreativen und reflektierten Umgang mit Medien anzuregen. 

Digitalisierung als Ausbildungsinhalt 

Fachschullehrende erkennen zwar an, dass Kinder heute ganz selbstverständlich mit digitalen Endgeräten und Medien aufwachsen. Im Unterricht wird Medienpädagogik trotzdem häufig nicht ausreichend thematisiert. Befördert wird diese digitale Abstinenz dadurch, dass die Rahmenlehrpläne die Digitalisierung zwar als Querschnittsthema enthalten, sie aber nicht konkret genug gefasst ist und damit von Lehrkräften nicht als wichtiges pädagogisches Element wahrgenommen wird. Das hält einer Untersuchung der Universität Vechta zufolge die Lehrkräfte davon ab, medienpädagogische Inhalte stärker zu vermitteln.20

Auch die Auszubildenden selbst stehen der Medienpädagogik im Kindergarten häufig kritisch gegenüber. Sie nutzen selbst zwar souverän neue Medien und Endgeräte, sehen die Vermittlung eines kindgerechten Umgangs damit aber nicht als Teil ihres Bildungsauftrags. Dies ist umso bedenklicher, als die heute noch kleinen Kinder in der Zukunft aktiv an der Gestaltung der digitalen Welt mitwirken und ihre Prozesse und Hintergründe verstehen können müssen. 

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